Lange Nacht der Kultur in Bremerhaven am 4.9.2021

UNRAST

Constanze Kreiser zeigt von 17 -22.00 Uhr im Wilke-Atelier ihre aktuellen Arbeiten zum Thema Wasser.

Es sind Holz- und Linolschnitte, die anlässlich des gleichnamigen Textes UNRAST von Olga Tokarczuk weite Landschaften des Oderbruchs im Osten Brandenburgs zeigen. Es geht um die Lebendigkeit der Räume durch Schatten, Wind oder Pflanzen. Statt eines schnellen Blickes kann man sich in die Tiefe der Bilder hineinziehen lassen und stets neue Kleinigkeiten entdecken. Diese spezielle Wirkung entsteht durch den Handabrieb, der aus jedem Druck ein Unikat macht. Alle Arbeiten sind am 4.9.2021 verkäuflich.

Die Welt im Kopf 

Meine erste Reise unternahm ich zu Fuß, quer über die Felder. Meine Abwesenheit wurde lange nicht bemerkt, und so kam ich ziemlich weit. Ich ging durch den ganzen Park, dann über Feldwege, durch Maisfelder und über feuchte Wiesen mit Butterblumen und einem Netz von Entwässerungsgräben — bis hin zum Fluss. Der Fluss war in diesem Tiefland ohnehin allgegenwärtig, er durchtränkte die Grasschicht und leckte an den Feldern.

(aus Unrast von Olga Tokarczuk)

Migrant Journal

Migrant Journal ist eine der liebevoll gemachtesten Veröffentlichungen der letzten Jahre. Inhaltlich sehr pointiert und informativ. Ästhetisch raffiniert und drucktechnisch anspruchvoll. Sein Format liegt gut in der Hand, es liest sich flüssig bis spannend, hat wunderbare Infographiken und guckt von den verschiedensten Seiten auf Migration als typisches Charakteristikum unserer gegenwärtigen Gesellschaften.

Gewollte und unerwünschte Vermischung findet sich in allen Lebensbereichen. Vernetzte Kapitalströme, biologische Lebensräume, politische Hierarchien, öffentliche Räume – alles unterliegt einem Transformationsprozess, der zugleich mehr Teilhabe verspricht, aber auch unhinterfragt neue Grenzen zieht, die jenseits von demokratischen Entscheidungen liegen.

Jeder der von Anfang an auf 6 Bände konzipierten Reihe ist einem Unterthema von Migration gewidmet:

Across Country

Wired Capital

Flowing Grounds

Dark matters

Micro Odysseys

Foreign Agents

Nur noch Band 3 und 6 der vielfach preisgekrönten Reihe sind erhältlich.


So beschreibt sich das Journal selbst:

MIGRANT JOURNAL explores the circulation of people, goods, information, but also fauna and flora, around the world and the transformative impact they have on space. While migration is part of humanity’s genesis, it seems the phenomenon has become ubiquitous, happening faster, with complex ramifications.

MIGRANT aims at exploring the relationship between these elements, events, journeys and spaces bound under the idea of ‘migration’ in all its forms, crucial to understand today’s society.

In order to break from the prejudices and clichés on migrants and migration, MIGRANT asks artists, journalists, academics, designers, architects, philosophers, activists and citizens to rethink our approach to migration and critically explore the new spaces it creates.

A six-issue publication, released between 2016 and 2019, MIGRANT continues as an open platform organising public events.

MIGRANT was co-founded by Justinien Tribillon (issues 1—6), Isabel Seiffert (1—6), Christoph Miler (1—6) and Catarina de Almeida Brito (1—2), later joined by Michaela Büsse (3—6) and Dámaso Randulfe (3—6). Edited collectively, it was co-edited and art directed by Offshore Studio (Isabel Seiffert and Christoph Miler). 


https://migrantjournal.com/


Wildnis I-III: 3 Leporellos

Drei aktuelle Unikate mit Holzschnitten, angeregt von den Gedichten Daniela Danzs mit ihrem 2020 in Göttingen erschienenem Band ‚Wildniß‘.

Wildnis I (ca. 13/23 cm)

stellt Kulturlandschaft und Verkehrsräume gegenüber – beides menschengemacht.

Wildnis II (ca. 13/23 cm)

bezieht sich auf Nacht- und Traumlandschaften: die weichen Konturen eines alten Kirschgarten, der Rest eines Hauses.

Wildnis III (ca. 11/15 cm)

führt Text und Bildteil in eigene, von einander getrennte Räume.


The Library of Ice

Nancy Campbell untersucht Eis als Sprachgenerator, als Lebens- und Erwerbsumfeld, als Sportuntergrund, als Sehnsuchtsort von Abenteurern, als archäologischen Forschungsgegenstand, als Lagerort von Rohstoffvorkommen, als kulturellen Bezug für Kunst und Literatur. Nancy Campbells ‘The Library of Ice‘ ist auch ein Buch für Liebhaber von Büchereien. Selten habe ich so viele verschiedenartige beschrieben bekommen, denn der Leser begleitet sie in ihre jeweiligen Forschungsstätten.

Der Reiz dieses roadmovieartigen Buches, was uns auf eine weltweite Forschungsreise mitnimmt, die mythische 7 Jahre dauerte, besteht in den vielen Begegnungen, die persönlich und distanziert zugleich bleiben, egal ob mit dem Team des schottischen Kinross Curling Clubs und – noch wichtiger – mit seinem Eisbahnwart, ob mit Jägern in Grönland oder Künstlern in der Serpentine Gallery in London oder mit Menschen aus Dokumenten vergangener Jahrhunderte, die mit gleicher Faszination der Antarktis verfallen waren.

So springen die Erzählräume zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her: die für uns weit entfernt scheinende Vergangenheit mit einem Leben voller Abhängigkeiten von Naturgewalten und Tieren in arktischen Gegenden ist bei Scott, Amundsen und Franklins Expeditionen genauso beeindruckend geschildert wie die jetzigen Lebensumstände der Bewohner Grönlands.Unaufgeregt erzählt Campbell von eigenen und einheimischen alltäglichen Anpassungsleistungen an Wetter, Schnee, Eis und Klimaveränderungen. Obwohl die Erreichbarkeit zwischen den Orten ohne feste Verbindungsstrassen eher vom Wasser aus erfolgt, findet sich auf Grönland jede Form der globale Konsum- und Dienstleistungswelt.

Es geht in diesem Buch deshalb auch um Seßhaftigkeit und Sprache bzw. Schrift als Mittel von Eroberungen, um Verdrängungen durch Klimawandel, Migration, um dauernde Anpassungsleistungen des Menschen an seine Umgebung – oder andersherum? Campbell jedenfalls beschreibt das Jagen mit Schlittenhunden als gleichberechtigte, wenn auch verschwindende arktische autarke Lebensform.

c.kreiser ca. 2015

Was ich mag an Campbells Erzählen, ist die fein verwobene Art, Fundstücke aus persönlich rlebtem Gegenwart und recherchierter Vergangenheit zusammenzubinden. Mit viel Achtung begegnet sie Menschen und deren Lebensumständen, aus wenigen Sätzen entstehen kristallklare Porträts. Wird sie auf einer abgelegenen Farm abgesetzt, die nur wenig Forschungsmaterial zum grönländischen Schriftsteller Porbergur aufzuweisen hat, bietet auch dieser Mangel genug Stoff zu kulturhistorischen Überlegungen über Teilhabe, weil die Texte nicht ins Englische übersetzt wurden.

Spürbar ist Nancy Campbells Liebe zu Museen und Büchereien, dem Forschen überhaupt. Egal ob Britisches Museum oder Halley VI Researchstation in der Antarktis, stets findet der Raum samt Mitforschenden Erwähnung. Wir können uns gut vorstellen, unter welchen Umständen ihre Recherchearbeit gerade stattfindet. Sie beschreibt Rückräume und Abkürzungen durch öffentliche Sammlungen, läßt sich auf Zufälle am Wegrand ein, geht verloren im verschneiten schweizerischen Bergwald. Lauter Bilder, die auch das mäandernde Fortschreiten von Wissensaneignung sein könnten.

‘The Library of Ice‘ ist ein dichtgepacktes Buch, das seine Sogwirkung erst nach und nach entfaltet – dann allerdings möchte man immer mehr von dieser unaufgeregten Zusammenschau seltsamster Fakten, die dennoch alle miteinander verbunden sind, lesen. Man beginnt zu glauben, an einem langen, dunklen Tag dazusitzen und Nancy Campbell beim Erzählen zuhören zu können, während Schnee und Eis die Außenwelt langsam in Bedeutungslosigkeit versinken lassen.


The Library of Ice

‘The Library of Ice‘ by Nancy Campbell actually does what the title announces: to talk about the manifold aspects of ice and about libraries, the places she visited to find deeper knowledge on her chosen topic.

Nancy Campbell

The Library of Ice  

(London 2018)

I featured this book because I have long appreciated Nancy Campbell’s wonderful artist’s books. I am also happy to own recent poems on flowers by her (commissioned by Bristol University). And I’m still annoyed of having missed her at a joint event in Berlin in 2019.

Am Wasser (28.4.-30.5.2021)

‚Am Wasser‘ im doppelten Sinne befindet sich meine neue Ausstellung am Scharmützelsee östlich von Berlin.

In der alten Schulscheune in Radlow-Diensdorf bei Bad Saarow, zwischen Waldrand und direktem Blick aufs Wasser, werden seit dem 28.4.2021 vierundzwanzig meiner aktuellen Drucke zum Thema Wasser gezeigt. Vorwiegend Holzschnitte, aber auch Linolschnitte, Monotypien und Mixtechniken sind zu sehen.

Im Moment kann man nur einen Blick durch die Fenster des gepflegten kleinen Innenhofs erhaschen, leicht verschwommen, wie unter Wasser, blickt man auf die ruhige Stimmung einer dahin fliessenden Oder, Havel und der für die Gegend typischen Entwässerungsgräben. Gegenüber finden sich Bilder eines aufgeregten Meeres, vielgestaltiger Strandstrukturen, drohender Gewitterwolken.

Es geht um die Lebendigkeit weiter Landschaftsräume durch Schatten, Wind oder Pflanzen. Statt eines schnellen Blickes kann man sich in die Tiefe der Bilder hineinziehen lassen und stets neue Andeutungen entdecken. Diese spezielle Wirkung entsteht durch den Handabrieb, der viele Einzelbetonungen innerhalb der zu druckenden Flächen zuläßt und aus jedem Druck ein Unikat macht.


Die Ausstellung wird von einem Katalog für 4,- € begleitet. Alle Arbeiten sind verkäuflich. Ausserhalb des Lockdowns wäre die Alte Schulscheune täglich (ausser mittwochs) von 11-16.00 Uhr geöffnet: Schulstr. 1 in Radlow-Diensdorf.

Möglicherweise kann am 30.5.2021 eine Finissage mit Texten von Olga Tokarzcuk zu den Bildern stattfinden. Bitte informieren Sie sich über die website der Alten Schulscheune: https://www.alte-schulscheune.de/events/1474

Ein wunderbares Ausflugsziel mit kleinem Cafe und Aussensitzbereich, eingebunden in ein Netz von Wander- und Radwegen, selbst zu Fuß ist die Alte Schulscheune von Bad Saarow aus in unter einer Stunde erreichbar.


Diese Ausstellung gehört in zu den 2. Offenen Tagen des brandenburgischen Buches, deren reichhaltiges Programm am 30.4. beginnt und bis in den Juni hineinreicht. Mögen möglichst viele der wunderbaren Lesungen, Aufführungen und workshops, die schwerpunktmäßig im Oderbruch zu finden sind, und das ganze Land Brandenburg bespielen, stattfinden können!

Warten

Dies ist eine kleine Geschichte über das Warten. In diesem Fall auf ein Buch. Nämlich dieses:

Ich hatte es Anfang des Jahres im lokalen Buchladen bestellt und – obwohl ursprünglich 1964 erschienen – sollte es innerhalb von 2 Wochen lieferbar sein. Als ich es abholen wollte, stellte sich heraus, dass es nicht eingetroffen war. Aus dem klassischen hardcover war inzwischen ein Taschenbuch geworden und zudem ein PoD (Print on Demand), was schnelle Verfügbarkeit versprach. Trotzdem war es auch in der Woche danach nicht eingetroffen. Und in der Woche danach. Und so viele Wochen lang, bis ich mein untenstehendes Projekt, für das ich den Text lesen wollte, auf andere Art fertigstellte und es aufgab, auf das Buch von Blanchot zu warten.

Woraufhin es vor einigen Tagen im Laden eintrudelte.

Und meine eigene Arbeit zu einer vorläufigen machte.

A Couple of Flowers

Poems in Black and White     Constanze Kreiser 2021

This little (unfinished) series deals with the rather stereotypical comparison between flowers and females in poetry.

Tulips   (Sylvia Plath)

The poem Tulips‘by Sylvia Plath is set in the surroundings of a longer hospitalstay. It describes all the intermingling whitenesses of rooms and dresses as a deprivation of life. The only colour allowed is that of a red tulip, which seems to Plath an aggressive intruder. The poem gives further details of Plath‘s thoughts and feelings of being caught, but the three primary lines set the atmosphere that rests in mind.

Therefore I made a white frame, which is rather too small for the single tulip inside. It has to bend, leaves and petals touching the borders. The tulip’s head is open, when the frame lies on a table, but when hung on the wall, the flower will close tightly. I like the association of the children‘s game hangman and the exposure by framing as if being something artificial: the frame shows the act of being cut out of one’s life.

As it is a small book sculpture, only the first lines of the poem run over the leaves, which might be taken out to read and replaced again. The flower‘s head is stuck. The complete poem is wrapped around the frame as a visual shelter.

Snowdrops   (Louise Glück)

This poem by Louise Glück might depict a similar situation, but is by attitude and form the opponent to my book object on the Plath text: it dwindles away from the spectator. On the back of black box is a natureprint of white snowdrops (picked when the shortterm snow had melted). The paper is folded upward to form a dark interior, maybe symbolising the weight of the earth or a coffin, but also the supply for growth. During this time of rest the thinking is still going on and surrounds the dark form in a circle of words: the text of the poem Snowdrops.

(not yet finished – just a modell to catch the idea)

Wild Iris   (Louise Glück)

The third box to match the above poems on flowers, which are actually poems on situations in human life, might be Wild Iris by Louise Glück. It talks more directly of the assumed similiarties between flower and female. Therefore my object draws the flower’s head more abstractly and sticks the paperslips onto a mirror. While looking at the flower you will see a slightly blurred picture of yourself. Like the person hides behind the flower the text of the poem hides behind the mirror on its back.

(not yet finished – just a modell to catch the idea)

Ein Beitrag zum Welttag der Frauen am 8.3.

Ich lese gerade … XXIII

Mit ‚das Ungeheuer‘ schrieb Terézia Mora 2013 681 Seiten vom Trauern, ein Buch, das ich nicht weglegen möchte und doch – obwohl es sich wunderbar liest – aufgrund seiner hermetischen Intensität nur in kleinen Dosen vertrage. Zugleich erzählt es vom Bestatten einer Urne wie ein amüsantes Roadmovie. Vom sich treiben lassen, sich dem Leben aussetzen, ohne berührt zu werden. Oder vom Gegenteil: dem Eindringen alles Erlebens tief unter die Schutzhaut, die Ich und Du trennt. Ein Buch von einem Mann und einer Frau. Von Darius Kopp und seiner Frau Flora.

Constanze Kreiser 2014 Monotypie Driften II

Ein Buch aus 2 Blickrichtungen, die unabhängig voneinander ablaufen und ebenso gedruckt sind: oben füllt die männliche Sichtweise durchgehend den zur Verfügung stehenden Raum. Sein Gedankenstrom führt Darius Kopp, einen mittelalten arbeitslosen IT Techniker, von den Oberflächlichkeiten eines gelungenen Lebens zur Innerlichkeit eines Scheiterns und Aufgebens, Umgewöhnens. Der Witwer befindet sich mit seiner Suche nach Erklärungen für den Selbstmord seiner Frau im Dauerselbstgespräch.

Die tote Frau entsteht für den Leser aus ihrem Lebensthema: auf ungarisch verfassten Computer-einträgen über Arbeit und Hypersensibilität, eine Art Tagebuch der depressiven Eskalationen, das nachträglich von ihrem Mann entziffert wird. Ihre Einzeldateien finden sich im unteren Teil der horizontal geteilten Buchseite. Viele freie halbe Seiten der Sprachlosigkeit setzen Pausen. Die beiden Erzählstränge sind nicht verknüpft.

‚Ich finde nicht mehr heim‘ sagt Darius Kopp mit Karl Valentin. Und: ‚Das Ausmaß meiner Trauer, die sich vor allem als Ratlosigkeit zeigt, überrascht mich selbst. Dieses neue Erleben von Tiefe ist schwindelerregend, es ist, in der Tat, ein Abenteuer, aber wenn es stimmt, dass ein Lebendiger nicht mit den Toten leben kann —‚

Constanze Kreiser 2014 Monotypie Driften II

Das Buch hat etwas von Orpheus und Eurydike: Darius Kopp sucht alle Orte auf, die irgendwie mit seine zehn Jahre jüngere Frau Flora, über die er eher wenig weiß, in Verbindung stehen könnten. Er sucht Flora, die eigentlich Übersetzerin ist, aber nebenher jobben mußte, in ihrer Familie, ihrer Jugend, in Fremden, in ihren Texten, in ihren Jobs. Manchmal scheint er sie zu sehen, eine Mischung aus Erinnerung und intensivster Sehnsucht macht dies möglich, geschenkte Momente, die er selbst nicht herbeiführen kann. Und so fährt er weiter und weiter, mit der Asche seiner Frau Flora im Kofferraum, durch Europa, begleitet von Zufallsbekanntschaften, um einen Ort zu finden, wo Flora hingehört.

Flora hingegen berichtet aus ihrem in der Krankheit gefangenem Inneren, das kaum noch ein Aussen und vor allem keine Zukunft zu haben scheint. Alles findet im Moment des Erlebens statt. Ihre Erinnerungen bilden für sie keinen Halt. Ihr Mann kommt in ihrem Kampf gegen das Abgeschnittensein vom Leben nicht vor. Ihre Suche ist die nach einem Ausweg gegen die Grenzen, die ihr ihre Krankheit immer wieder lähmend auferlegt. Ratgeberbücher und Medizin erweisen sich als gleich ungeeignet. Ebenso die Aufforderungen hilfsbereiter Umwelt. Flora findet mit unbezahlter körperliche Arbeit in einer Landkommune einen temporären Ausweg aus Ihrer Verletzbarkeit, ihrem Fremdbleiben in der Arbeitswelt und unter Darius Lebensform, seinen Freunde und Kollegen. Aber auch dieser Versuch bleibt erfolglos, sie vernachlässigt sich, sie erwartet keine Hilfe mehr, die Schmerzen verdichten sich zu einem permanenten, der nur durch den Tod zu beenden ist.

Terézia Mora hat in ihrer fein beobachtenden Sprache aber keine medizinische Fallstudie beschrieben, sondern eine gesellschaftliche Bestandsaufnahme versucht. Sie tastet Lebensentwürfe ab, berichtet vom schnellem Geld und dauerndem Verlieren, dem nicht Heimischwerden können.

Terézia Mora – Das Ungeheuer (München 2013)

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Ich lese gerade … XXII

ckr 2019

‚Die Unvermeidlichkeit des Kreativen‘ nennt der Kultursoziologe Andreas Reckwitz seine Einleitung zum 408 Seiten starken Buch, das sich tatsächlich nur damit befasst: Warum Kreativität für uns so wichtig ist und wie sie bzw. der Zwang zum Neuen Motor unseres gegenwärtigen Handelns wurde.

Reckwitz entkleidet den Begriff ‚Kreativität‘ von seinen mitschwingenden heroischen Anklängen einer aus dem 18. Jhd. stammenden künstlerischen Autonomie und wendet ihn in einen gesellschaftlichen Konsens des Wunsches zum ‚Kreativ sein‘ um. Das ist sehr spannend hergeleitet und hat für mich viele lose Fäden (z.B. den Verlust des Primats der Wissenschaft, Abwertung des Lernens durch Üben, Touristen als Stadtleben konsumierende Teilzeitbewohner, Teilhabe aller am öffentlichen Diskurs statt Expertenwissen) verknüpft.

ckr 2019

Der dem Kapitalismus immanente Impuls zur Expansion reicht weit über alle Deckung von Bedürfnissen hinaus und hat sich seit der Marktsättigung um 1970 einer Haltung des Verschönerns, dem Hervorbringen von Neuem als Dauerpostulat (zumeist ohne Veränderung von Funktionalitäten) verschrieben. Wenn die Nutzung von Produkten nicht ausrechend für sie spricht, muss ersatzweise ein Bindung geschaffen, die im sozialen Leben wirtschaftlich autonomer Individuen immer auffälliger fehlt.

Das Resultat dieser Ästhetisierung der gesamten Lebenswelt zeigt sich – neben einer Flut von neuen Museen, die kaum auf Besucher hoffen dürfen, weil diese längst an events verloren gegangen sind – nicht nur in der Warenwelt designter Konsumprodukte, sondern auch in immer stärker divergierenden Möglichkeiten der Sexualität und des Zusammenlebens, in geänderten Managementformen mit grösseren Gestaltungsmöglichkeiten der Mitarbeiter, den Versuchen von Städten mit ästhetischen Angeboten Einwohner und Touristen wirtschaftlich zu binden. Massenmedien und Starkult, Stadt und Städteplanung, Psychologie sind ebenfalls von diesem Impuls betroffen. In dem Masze wie Spezialisierung und Können im Ansehen abnehmen, wächst der Wunsch nach gleichberechtigter Teilhabe aller in allen Lebensbereichen der westlichen Konsumkulturen.

ckr 2019

Es ist eine Abkehr von Funktionalität im Wohnen, Arbeiten, Konsumieren, die sich im Thatcher Begriff der ‚creative industries‘ der 80ziger Jahre noch nicht wieder findet. Gemeint schien damals eine Aufwertung von nichtproduzierenden Dienstleistungen. Wohl enthält dieser Begriff aber schon den Anspruch der Ausbildung einer neuen ‚creative class‘, die sich als eine nicht funktional/rational gesteuerte kreative Leitkultur/Lebensweise (weltweit) versteht. Computerspiele und Werbestrategen entwerfen jeden Montag eine neue Welt, Books on demand, und Babies als Designerware. Spekulationen über denkbare Welten ausserhalb der Erde werden in Sondierungsversuche überführt.

Die Schöpfung eines angeblich einmaligen Images wird zum individuellen Lebensziel. Nicht das Herstellen von Kunstwerken, was parallel so exponential zunimmt wie seine öffentliche Wertschätzung abnimmt. Verbesserungen des Menschen werden nicht länger durch Arbeit am Selbst, sondern durch externe (digitale) Ergänzungen/enhancements erwartet. Keiner spricht darüber, in welchem Sinne diese Optimierung des Menschen gemeint ist: Von wem gewünscht und für wen profitabel ist diese sich ausbreitende Deregulierung auf der Welle der Kreativität, die zudem eine der Bequemlichkeit ist?

ckr 2019

Dezidiert untersucht Andreas Reckwitz die Rolle der Massenmedien und des Geniekults, aber auch die des Publikums, was von einer passiven Rolle zu einem aktiveren Teil des kulturellen Austauschs geworden ist. Gegenkulturen weltweit werden außerordentlich schnell in den Maßstäbe setzenden Hauptstrom integriert. Reckwitz beschreibt diese Entwicklung von der Aufklärung bis zur Gegenwart und wagt sogar einen kleinen Ausblick darüber hinaus. Mehr dazu werden wir voraussichtlich in seinem Buch ‚Die Gesellschaft der Singularitäten‘ (Berlin 2017) erfahren. Zum Lesen und Mitdenken seien beide wärmstens empfohlen.

Ich lese gerade..

Andreas Reckwitz
Die Erfindung der Kreativität
Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung (Berlin 2012)

Ich lese gerade … XXI

 

 

Simone Lappert – Der Sprung (Zürich 2019)


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Ähnlich wir auf dem obigen Blatt sind alle Erzählstränge in Simone Lapperts Roman ‚Der Sprung‘ auf vielfältige Weise miteinander verbunden.

Allerdings dauert es eine ganz Zeit, bevor sich die Verbindungen zeigen. Aus der Perspektive zehn unterschiedlicher Menschen berichtet ‚Der Sprung‘ von 20 Stunden einer jungen Frau auf dem Dach eines Hauses am Marktplatz in Thalbach. Warum sie sich auf dem Dach befindet, bleibt bis ganz zum Schluß unklar. Es werden verschiedene Lesarten angeboten, die sensations-lüsterne der unten wartenden Menge samt Presse, die Einschätzung der Polizei, die derer, die sie  – mehr oder weniger – kennen. Interessant ist gerade das Offene der Situation, die auf den ersten Blick eindeutig erscheint.

Der Schweizerin Simone Lappert (geboren 1985 in Aarau) gelingt es, für jede ihrer Figuren eine eigene Sprache zu finden, mit wenigen Worten mögliche Haltungen verschiedener Altersgruppen zum Leben zu beschreiben. Sie erzählt auch vom jeweiligen Verharren im Eigenen trotz der Unterbrechung des Alltags durch das außergewöhnliche Eriegnis. Nur wenigen gelingen, durch das Ereignis angestossen, Veränderungen.

Hier die vorgestellten Zuschauer des Ereignisses:

  • Angelika, Schwester im Altenpflegeheim
  • Astrid Guhl, ältere Halbschwester von Manu, Politikerin, Bürgermeisterkandidatin
  • Bruno, Polizist, Kollege von Felix und Ablösung
  • Carola, Kollegin von Felix, Auszubildende
  • Cosima, Schildkröte von Edna
  • Edna, alte Frau
  • Egon Moosbach, Schlachtereiangestellter und Hutmacher, Besucher in Roswithas Café
  • Ernesto Valone, Modeschöpfer aus Mailand
  • Esther, Henrys ehemalige Freundin
  • Felix, Polizist, Freund von Monique
  • Finn Holzer, Freund von Manu, Fahrradkurier
  • Franz, Mann, der sich angeschossen hat
  • Hannes, Mann von Maren, begann mit 40 neues Leben, Affäre von Astrid
  • Hauptkommissar Blaser, Polizist und Einsatzleiter, Vorgesetzter von Felix
  • Helen, Polizistin, Kollegin von Felix
  • Helga, Mutter von Stefan, Schwiegermutter von Astrid
  • Henry, Obdachloser
  • Holger, Telefonzentrale der Fahrradkuriere
  • Iggy (Ignazius), Kinderfreund von Felix
  • Jaris, Barockmusiker, Verehrer von Maren
  • Leo, Jugendfreund von Finn, mit 15 an Krebs gestorben
  • Leslie Kühne, Vater von Manu
  • Lukas, Obdachloser
  • Magali Moosbach, Jägerin und Altenheimbewohnerin, Mutter von Egon, Bekannte von Edna
  • Manu(ela) Kühne, auch Nunu genannt, Störgärtnerin und Pflanzenbefreierin, Freundin von Finn, Halbschwester von Astrid
  • Maren Fritsche, dickliche Schneiderin, Frau von Hannes
  • Miranda, Freundin von Lukas
  • Monique, Freundin von Felix, schwanger
  • Mutter (ohne Name) von Winnie
  • Otto, Vorgänger von Holger in der Telefonzentrale
  • Roswitha, Café-Besitzerin
  • Salome, Mitschülerin von Winnie und Salome
  • Silas und Tom, Arbeitskollegen von Finn
  • Stefan, Mann von Astrid
  • Theres, Ladenbesitzerin und Ü-Ei-Sammlerin, Frau von Werner
  • Timo, Mitschüler von Winnie und Salome
  • Tommaso Rossi, Assistent von Ernesto
  • Walter, verstorbener Liebhaber von Egons Mutter Magali
  • Werner, Ladenbesitzer, Mann von Theres
  • Winnie, dickliche Schülerin, Mitschülerin von Timo und Salome

Die Springende, Manu oder Nunu, wiederum kommt sehr wenig zu Wort. Das scheint ihrer Art zu entsprechen. Nach einem Biologiestudium rettet sie Pflanzen aus ungeeigneten Behausungen und ist selbst nur provisorisch behaust.

Simone Lappert ist Präsidentin des Internationalen Lyrikfestivals Basel und war Schweizer Kuratorin für das Lyrikprojekt ›Babelsprech.International‹. Ähnlich kurz wie ihre Gedichte sind auch die einzelnen Textabschnitte, meist nur wenige Seiten, die sich flüssig lesen. Trotzdem entsteht schnell die Atmosphäre einer Kleinstadt mit all ihren sorgsam verborgenen Geheimnissen, die meist Fehlschläge bedeuten. Dieses feine Geflecht ist der eigentliche Gegenstand des 2. Romans von Simone Lappert.