Zeichnen IV: grids

Jüngere KünstlerInnen scheinen sich vermehrt mit Netzen und Strukturen zu befassen, insbesondere mit den feinen Abweichungen, die durch die Bearbeitung per Hand entstehen. Geht es um das menschliche Unvermögen zur handwerklichen Perfektion, das aber jeweils durch die Fähigkeiten des Gehirns, über das Unregelmäßige hinweg zusehen, ausgeglichen wird? Oder um eine Aufforderung zum besserem Hinsehen und sich nicht mit einem ersten Eindruck zufrieden geben? Das Ausreizen der Kontraste zwischen Sinnlichem und Abstraktion ? Und lassen sich die Drucke von Linda Grüneberg und die Papierschnitte von Fiene Scharp überhaupt als Zeichnungen lesen? Bei beiden vorgestellten Künstlerinnen ist es aufschlußreich, den Herstellprozess zu kennen. Hören wir sie selbst:

Fiene Scharp

Entscheidend für meine Auseinandersetzung mit Rasterstrukturen ist für mich die Normativität aufzulösen und unmerkliche Unregelmäßigkeit zu erzeugen.

Gerade beim manuellen Herstellungsprozess treten kleinste Differenzen auf, welche erst bei genauerem Hinsehen zu erkennen sind.

Was auf den ersten, fernen Blick nach Perfektion und Präzision aussieht, fordert eine genaue Betrachtung der kaum sichtbaren Abweichungen.

Durch die Brüchigkeit der Materialien, Oberflächen und Strukturen wird die Gleichförmigkeit des Ausgangsmaterials durchbrochen. (http://fienescharp.de/de/about/)

CV Die Berlinerin Scharp, eine ehemalige Goldrausch Künstlerin, studierte Bildende Kunst an der UdK Berlin bei Gregor Schneider, Alicja Kwade und Ursula Neugebauer. Ihre Werke warenin Ausstellungen an der Akademie der Künste in Berlin,[1] im Kunsthaus Graz, im Kunstmuseum Stuttgart und im Museum für Konkrete Kunst Ingolstadt zu sehen. Ihre Arbeiten sind zwischen Objekt, Zeichnung und Installation anzusiedeln. https://de.wikipedia.org/wiki/Fiene_Scharp


Vom 17. September 2021 – 31. Februar 2022 sind Arbeiten von Fiene Scharp in Brüssel zu sehen: works on papergroup show (aus der Sammlung von Galila Hollander-Barzilaï)

Jewish Museum of Belgium Rue de Minimes 21, 1000 Bruxelles / Belgique 


Linda Grüneberg

Das Textile ist Idee, Mittel und Thema in meiner Arbeit. Das Textile ist ein Medium, dem das Sinnliche des Taktilen wie auch das Immaterielle einer geistigen Durchdringung, eines Systems innewohnt. Diese beiden Aspekte möchte ich in meinen Bildern transportieren. (https://linda-grueneberg.de/start/)

laufende Ausstellung in Magdeburg

Linda Grüneberg arbeitet mit rechteckigen Formaten, präsentiert sie wie Webarbeiten über einem Stab wandhängend und leitet unsere Erwartungen damit in eine Richtung, die sich später als falsch erweist. Tatsächlich entstehen die so regelmäßig wirkenden Strukturen als Frottage/Durchrieb von Einzelmustern, die auf dem Blatt aneinandergefügt werden. Folglich ergebn sich durch unterschiedlichen Druck beim Durchreiben auch leicht andere Farbvalenzen, verschieben sich die Muster mitunter minimal gegeneinander. Trügermaterial ist hierbei Papier, oft kommen leichte Japanpapiere zum Einsatz, die sich deutlich anders verhalten als die schweren Teppiche, die wir im Kopf haben. Wenn wir nur über einen dieser Widersprüche stolpern, beginnt unsere Neugier zu erwachen und wir wollen mehr über den Herstellprozess erfahren.

CV

Monstera Monkey Mask: Katrin Magens im Kunsthaus Salzwedel

Vergangenen Sonntag (11.7.2021) ging die Ausstellung Monstera Monkey Mask im Kunsthaus Salzwedel zu Ende, die seit dem 9.10.2020 lief und coronabedingt mehrfach über den 10.1.2021 hinausverlängert wurde. Die Dannenbergerin Katrin Magens zeigte mit Holzschnitten, Zeichnungen, Skulpturen und Skizzenbüchern einen reichhaltigen Überblick ihrer vielfältigen künstlerischen Aktivitäten.

Schon auf den 1. Blick fühlt man sich in die zwei gegenüberliegenden Räume im Obergeschoss des Kunsthauses eingeladen. Die blaue Wand mit den vier großformatigen, in ihren Ocker-Schwarztönen afrikanisch anmutenden Drucken auf Damast leuchtet in den Flur. Im anderen Raum scheint es farblich zurückhaltender zuzugehen: eher blau-pastellfarben und in hellen Holzrahmen gefaßt sind dort Themengruppen arrangiert, eine hinterleuchtete Gruppe kleinerer Skulpturen auf Sockeln zeigt sich erst bei Betreten des Raums.

Katrin Magens mehrschichtige Drucke arbeiten viel mit schwarz. Auf den Blättern mischen sich flächige Formen, die teilweise Durchblicken auf das dahinterbefindliche zulassen, mit Liniengruppen, die ebenfalls eine Verbindung zum Hintergrund herstellen. Alle größeren Flächen sind belebt, zeigen zurückhaltende innere Strukturen, verlocken zu einem immer genaueren Hinsehen. Räumlichkeit entsteht auf Magens Holzschnitten durch Überdruckungen, also einem Davor und Dahinter, denen sich die gewählten Farbhelligkeiten manchmal widersetzen, oder durch ein Zusammenfassen verschiedener Formen mit schwarzen Linien im letzten Druckgang. Alle größeren Flächen sind durch zurückhaltende innere Strukturen belebt, die Drucke verlocken so zu einem immer genaueren Hinsehen.

Die Skulpturen von Katrin Magens benehmen sich ähnlich wie ihre Drucke: sie entstehen aus Gruppen von kompakt-gnubbeligen Körpern und leichten sie umschwirrenden Linien in Form von Drahtgeflechten und Stützmaterialien. Auch hier kippt der Besucherblick zwischen den beiden Angeboten hin und her. Die Plastiken werden durch unterschiedliche Materialien wie Holz, Wachs, Eisen und gefüllte Stoffhüllen mit vielfältigen Motiven aufgeladen, die sich nicht unter einem Thema zusammenfassen lassen und damit viel Platz für Spekulationen anbieten.

Glasvitrine mit Tagebüchern

Als weiterer großen Themenkomplex sind die Katrin Magens Tagebücher ausgestellt. Ich stelle mir vor, dass sie auf den Reisen entstehen, von denen Katrin Magens Bilder erzählen. Beispielhaft ist eine Gruppe von kleinformatigen Zeichnungen zu einem großen Wandbild gefügt, denn die Vitrine mit etwa 20 gleichformatigen Tagebüchern ist verschlossen. Man kann aber Collagen und Zeichnungen erkennen, die sich in einem stringenten Farbraum von schwarz-rot-ocker zu bewegen scheinen. Wer es genauer wissen möchte, dem sei der wunderbare Katalog ebendieser Tagebücher empfohlen, der anläßlich dieser Ausstellung entstand und zur Ansicht und zum Kauf ausliegt.


Weiterführende Informationen:

http://www.hinterhaus.de

http://www.kunsthaus-salzwedel.com

Aktuelle Ausstellung Galerie 40 in Berlin

Young-ja Zimmermann
Gabriele Nocker
„Crossing“

3.7. -16.7.2021 Öffnungszeiten:

Mittwoch – Sonntag:   15:00 Uhr –  18:30 Uhr
und nach Vereinbarung –  Tel. 0170 807 95 86

KUNST40 

Breite Straße 40
14199 Berlin-Schmargendorf

Schnell muss man sein, um die am vergangenen Wochenende eröffnete Ausstellung „Crossing“ der beiden Berliner Künstlerinnen Young-ja Zimmermann und Gabriele Nocker in der Schmargendorfer Galerie 40 anzuschauen, denn sie läuft nur zwei Wochen (noch bis zum 16.7.2021). Doch es lohnt sich. Klein und kompakt wird dort ein fein abgestimmtes Zusammenspiel von Farben und Formen angeboten, das ganz entspannt Gemeinsamkeiten der Keramiken von Gabriel Nocker und den Malereien von Young-ja Zimmermann herausstellt.

Die stark farbigen wandhängenden Arbeiten von Young-ja Zimmermann sind auf der Grenze zwischen Abstrakt und Landschaft verortet. Sie selbst nennt Naturfragmente als ihren Malanlaß. Je nach Abstand zum Bild springen die Eindrücke zwischen diesen Fragmenten und räumlichen Anordnungen hin und her. Es macht Freude, die vielen kleinen zeichnerischen Details, eingebettet in rote, blaue oder gelbe Farbflächen, zu entdecken.

Ähnlich genau hinschauen muss man bei Gabriele Nockers Skulpturen. Die leicht schrägen Kuben in Raku Technik im Eingangsraum haben mit ihren Krakelüren ebensoviel Sehenswertes zu bieten wie die keramischen Kompositionen mit Eisenfundstücken, die um die Ecke als Gruppe von fünf aufmarschiert sind. Verspielt und figrativ, so verschiedenee Oberflächen, dass man gern mit der Hand drüberstreichen möchte.

Im zweiten Raum ist die Farbigkeit etwas zurückgenommen: eine graue Doppelskulptur im Fenster harmoniert mit den beiden hellen Papierarbeiten, die zeichnerisch-verschwommene Stadtstimmungen zeigen. Die beiden Tonskulpturen im Fenster könnten sich evtl. gerade darüber unterhalten?

Eine Arbeit ist tatsächlich gemeinsam entstanden: auf den leicht geniegten und verdrehten Kuben von Gabriele Nocker hat Young-ja Zimmermann die Oberflächen gestaltet. Sie stehen mit einem ähnlichfarbigen Gemälde im Dialog.

www.koreanarts.de

www.gabriele-nocker.de