Buchvorstellung: ‚Bücher binden‘

Bücher binden von Monica Langwe erschien im März diesen Jahr im schweizer Hauptverlag, ist aber eine schwedische Lizenzausgabe von 2016. Optisch anspruchsvoll aufgemacht (mit Fotos von Thomas Harrysson) macht es Monica Langwe einem leicht, sich auf eines der 25 vorgestellten Projekte einzulassen und es direkt nachzuarbeiten.

Die vorgestellten Projekte reichen beim Buchbinden von einfachen Heften über filofaxähnliche Bindungen mit Lederumschlag. Auch kompliziertere Nähvorgänge sind anschaulich dargestellt und beschrieben. Es entstehen feine geometrische Buchrückenmuster, der eigenen Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Langwes Schwerpunkt liegt auf der Gestaltung der Bucheinbände und Aufbewahrschachteln, sie setzt dafür sehr unterschiedliche Materialien wie kaschierte Stoffe, Leder, Knöpfe, Poster und andere Recyclingmaterialien ein. Monica Langwe bietet Hilfe beim Einstieg ins Buchbinden für kreativ Neugierige.

Das Buch besteht aus 2 Teilen. Ziemlich genau in der Mitte wechselt es vom Buchbinden zum Falten. Dort sind Leporellos und Falttechniken (u.a. von Hedi Kyle) vorgeführt, aber auch kleine Faltschachteln asiatischer Herkunft. Wieder sind viele dekorative Vorschläge darunter. Gut funktionieren die vorgeschlagenen Papiere. Auf den ersten 15 Seiten wird knapp aber informativ in die Geschichte des Papiers, Techniken und Werkzeuge eingeführt. Am Buchende findet sich ein recht ausführliches Glossar, tlw. auch mit englischen Begriffen. Wie immer beim Hauptverlag folgen die Bezugsquellen im deutschsprachigen Raum.


Bücher binden: 25 Buchobjekte aus Papier und Faden

Gebundene Ausgabe – Bern 2021

Monica Langwe, Haupt Verlag, 28 €

Linolschnitt – Emily Louise Howard

Emily Louise Howard führt in lockerem Ton in 5 Kapiteln in die Möglichkeiten des Linolschnitts ein. Das Buch ist wunderbar für Anfänger geeignet, da es auf jegliche kostspielige Ausstattung verzichtet und Linolschnitt als eine graphische Technik vorstellt, die sich  – bis auf die Farben – gut mit im Haushalt Vorhandenem ausprobieren lässt. Passend dazu werden 5 Porträts amerikanischer Künstler eingestreut, drei davon sind Autodidakten.

Howards Schwerpunkt liegt auf dem Arbeitsvorgang. Systematisch beginnt sie mit Bildaufbau, der erforderlichen Ausstattung, den Schnitttechniken, um direkt erste Projekte zur Anwendung vorzuschlagen. Diese sind sehr anschaulich bebildert und beschrieben – Fotos, Text und Graphiken stammen von Howard selbst. Die Motive von Howard zeigen eher Linolzeichnungen als Arbeiten in der Fläche. Gegenbeispiele aus dem 20. Jhd. gibt es im Einleitungsteil. Die meisten Linolmotive sind in schwarz gedruckt, was zusammen mit Holz als Fotohintergrund den Gesamteindruck prägt.

Howard bleibt mit ihren kleinformatigen Vorschlägen ganz dicht beim Leser und hilft ihm, Fehler zu erkennen und zu vermeiden, Fehlmaterialien weiter zu nutzen, zu eigenen Experimenten anzuregen. Trotzdem fehlen technische Hinweise auf Farben, Papierqualitäten und Werkzeug nicht. Ebenso ein Ausflug in den Stoff- und Rapportdruck mit Modeln. Auf jeden Fall ein Buch, das einen erstaunlich umfassenden Überblick bietet und Spaß macht. Und das man auch während des Druckens immer wieder in die Hand nimmt.

Der Text beschränkt sich auf ein angenehm zurückhaltend schwarz-weisses Layout. Wichtiges wird weiss in schwarze Blöcke gesetzt, sodass schnellere und langsamere Lesarten der Kapitel möglich werden. Wie immer im Hauptverlag gibt es ein Quellenverzeichnis und hier auch ein Glossar der Fachbegriffe am Ende des Buches.

Das eben aufgelegte Buch des Schweizer Haupt Verlags ist eine 2019 in den USA erschienene Lizenzausgabe.


Linolschnitt – Techniken Projekte

Emily Louise Howard

Bern 2021 (broschiert 25,-€)

Papier marmorieren – Lucy McGrath

Das gerade im Schweizer Hauptverlag erschienene Buch von Lucy McGrath besticht durch seine Vielzahl an Abbildungen: Einband, Vorsatzpapier, Kapiteltrennseiten – alle Doppelseiten sind in verschiedensten marmorierten Mustern ausgeführt. So kommt man ohne Lesen gleich beim ersten Blättern ins Staunen über die Vielfalt der Technik und ins Grübeln über den möglichen Herstellvorgang. Und schwupp, schon findet man sich schon mittendrin im Lesen der knapp und präzise gehalten Anleitungsschritte, die alles ganz einfach erscheinen lassen.

Beim Marmorieren nutzt man den chemischen Abstossungseffekt von Wasser und Öl, um Farbe auf einer beweglichen Oberfläche wie Wasser oder Leim aufzutropfen. Zunächst muss man also ein Trägermedium herstellen. Das kann – wie im Buch beschrieben – aus Algen gemacht werden, aber auch aus Tapetenkleister oder Rasierschaum. Auf jeden Fall mus das Medium eine flache Plastikwanne einige cm tief bedecken. Anschließend kann man Farbflecken mit einer Pipette oder Pinsel auftropfen.

Durch Bewegen des Beckens mitsamt dem Medium oder durch Verziehen der Farbtupfer durch Stäbchen, Kämme und anderes Gerät, aber auch durch Pusten verändern sich die Farbtropfen. So entstehen vielfältige Formen, die mit einem aufgelegten Blatt Papier vom Medium auf das Papier wechseln. Nach jedem Färbevorgang wird die überschüssige Farbe entfernt, bevor das nächste Muster entsteht. Dieser Vorgang des Musterentwickelns ist gleichzeitig meditiv und spannend. Schnell entsteht eine größere Anzahl von marmorierten Bögen, für die man ausreichend Platz zum Trocknen (z.B. eine Wäscheleine o.ä.) braucht.

Das Buch ist besonders geeignet für Anfänger. Es beschränkt sich auf eine Art des Trägermediums und arbeitet mit verschiedenen Farbmedien, die evtl. sogar im Haushalt vorhanden sind. Die Vor-und Nachteile von Acryl-, Öl- oder Aquarellfarben sowie Gouache werden gut beschrieben. Dass es auch etliche Anbieter für Fertigleimbäder und Marmorierfarben (zB. Marabu, Kreul oder auch Schmedt…), teilweise sogar als einsteigerfreundliches Set, gibt, bleibt unerwähnt. Auch ist bei diesen Sets die Vorbereitung der Papierbögen mit Alaun nicht erforderlich.

Über das Marmorieren hinaus zeigt das Buch die Weiterverarbeitung des verwendeten Papiers auf, das nach dem marmorieren durch die Feuchtigkeit seine glatt Form verloren hat. Und auch den Umgang mit anderen Werkstoffen von Stoff bis Porzellan. Interessant sind dabei auch dreidimensionale Körper, die natürlich Farbbäder mit höherer Eindringtief benötigen. Kleine Ausflüge in die Geschichte des Marmorierens und die Farbenlehre runden das Buch ab.

Es handelt sich bei dem Titel um eine Lizenzausgabe der englischen bei Pavilion 2019 erschienenen Originalausgabe. Lucy McGrath ist verantwortlich für Texte und Papiere, was vielleicht auch dazu beiträgt, das der vorliegende Band sehr konzentriert layoutet ist. Die Texte sind kompakt als Blöcke schwarz auf weiß gehalten und heben so die farbigen Marmoriemuster besonders hervor. Wie oft beim Hauptverlag sind die Seiten angenehm übersichtlich gestaltet, die Papierqualität und die Druckqualität sind erwartungsgemäß ebenfalls hoch. Es macht also Spaß, das Buch in die Hand zu nehmen und sich zum immer neuen Musterversuchen anregen zu lassen.


Papier marmorieren von Lucy McGrath (Bern 2021), 29,90€

Das schreibt der Verlag zu seiner Neuerscheinung:

Die Papierkünstlerin Lucy McGrath lebt und arbeitet in London. Mit ihrem neuen Buch frischt sie ein zeitloses Kunsthandwerk auf.

Anhand von bebilderten Anleitungen wird das Marmorieren von Papier gezeigt – von den traditionellen Musterungstechniken bis zu modernen, neuzeitlichen Designs. Marmorieren hängt mit der Malerei, der Druckkunst und der Wissenschaft zusammen. Dafür erklärt die prädestinierte Autorin unterschiedliche Musterungstechniken: beispielsweise mit einem Borstenpinsel, einer Pipette oder auch einem Kamm. Darüber hinaus beschreibt McGrath, wie verschiedene Muster erzeugt und kombiniert werden können und experimentiert dafür auf sehr unterschiedlichem Material. Seien es Federmarmor- oder Zackenmuster: Leser dieses Buchs sollen von ihren Kenntnissen und Erfahrungen im Bereich des Kunsthandwerks profitieren dürfen. Demnach möchte die Autorin sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene zu ganz persönlicher Kreativität im Umfeld der Papierveredelungstechnik anregen. McGrath betreibt ein Ladengeschäft und Kursatelier namens „Marmor Paperie“ in London und gewann im Jahr 2016 den „Arts Society/Cockpits Arts Award“.


weiterführende links:

https://marmorpaperie.co.uk/

https://www.homofaberguide.com/en/discover/artisans-mcgrath-lucy

https://cockpitarts.com/designer-makers/lucy-mcgrath/

Die Künstlerbrille: Teil III

Teil III des schon hier vorgestellten Konzeptes der Übertragbarkeit von künstlerischen Haltungen auf andere Arbeitsbereiche von Dagmar Frick-Islitzer stellt zwölf Künstler aus 4 Ländern vor und bietet konkrete Umsetzungen in Form von Lernstationen an, die für die Erwachsenen-/Breitenbildung geeignet sind.

Die Wanderausstellung sollte – nach der Eröffnung im Engländerbau in Vaduz am 11. August – ab 26. Nov. 2020 in Berlin im Haus am Lützowpark, einem der Projektpartner, Station machen (coronabedingt sind leider Verschiebungen entstanden). Weitere Beteiligte des länderübergreifenden Projektes sind: das Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten, Österreich, und das Südtiroler Landesmuseum in Dorf Tirol, Italien. Folgende Genres sind vertreten: Bildende Kunst, Musik, Film , Tanz, Theater, Sprache.

Das sehr schön aufgemachte Begleitbuch macht Lust aufs Loslegen. Ein knapper Einleitungstext läßt den beteiligten 12 Künstlern viel Luft. Wunderbare Fotos stellen die Künstler in ihren Studios und Ausstellungen vor, lassen sie in Interviews ausführlich zu Wort kommen:


LI: Arno Oehri, Martin Wohlwend und das Künstlertrio Katrin Hilbe, Christiani Wetter und Nicolas Biedermann

DE: Ilona Kálnoky, Marco Schmitt und Nicole Wendel

AT: Sung Min Kim, Clemens Salesny und Maria Seisenbacher

IT: Arnold Mario Dall’O, Cornelia Lochmann und Peter Senoner

Es lohnt sich, sich in das Werk jeden einzelnen Künstlers zu vertiefen. Die Lernstationen können dazu beitragen, es haftet ihnen jedoch eine gewisse Steifheit an: der künstlerische Prozess ist nicht mehr ganz offen, sondern auf Nachvollziehen festgelegt – ein interessanter immanenter Widerspruch des Ansatzes.

Neben den vielfältigen, meist nicht geradlinigen Lebensläufen (die auffällig oft über New York zu führen scheinen ) wird im neuen Buch der Liechtensteinerin Dagmar Frick-Islitzer wieder der Arbeitsprozess in Augenschein genommen: wie gehen Künstler mit Arbeitsblockaden, Ansätzen, die scheitern, und wirtschaftlichen Schwierigkeiten um?

Auffällig die hohe Arbeitsdisziplin, die alle Befragten täglich in ihre Übungsräume treibt. Allerdings ohne den Vorsatz, etwas bestimmtes zu schaffen. Also Betonung des Arbeitens als Findungsprozess, nicht um ein Endergebnis zu erreichen. Schön auch die Gelassenheit, mit denen Projekten eine Auszeit verordnet wird, die sich gerade nicht weiterentwickeln lassen. Und eine Unvoreingenommenheit, sich auf Fremdes/Unvorhergesehenes einzulassen. Fast muss ich an die Haltung landwirtschaftlicher Gesellschaften früherer Jahrhunderte zur Natur denken: ein Standpunkt zwischen Bewusstsein der eigenen Fähigkeiten und Demut?

Entwickelt wird die Plattform von Kubus Kulturvermittlung, Balzers/LI; Haus am Lützowplatz, Berlin/DE; Bildungshaus St. Hippolyt, St. Pölten/AT; Südtiroler Landesmuseum für Kultur- und Landesgeschichte Schloss Tirol, Dorf Tirol/IT.


aktueller Nachtrag der Veranstalter:

Vor dem Hintergrund der anhaltenden Schliessung aller Kultureinrichtungen in Deutschland (voraussichtlich noch bis mindestens 10. Januar 2021) hat der künstlerische Leiter Dr. Marc Wellmann ein neues online-Vermittlungsformat entwickelt: AVATAR-Führungen. Zur dieser Premiere laden wir dich herzlich ein. Anders als bei einem realen Ausstellungsbesuch, gehst du nicht anonym, wenn du gerade Lust dazu hast, durch die Räume, sondern musst dich vorher für einen konkreten Termin entscheiden. Während des ZOOM-Meetings bist du nicht in einer passiv konsumierenden, sondern in einer aktiv interagierenden Rolle. Du kannst den Avatar – das ist eine reale Führungsperson mit einem tragbaren Endgerät in den realen Räumen des HaL in Berlin – zu bestimmten Stationen lotsen und dir dort bestimmte Dinge erklären und ausführen lassen. Du wirst mit der Führungsperson sprechen.

Hier der Link zur Terminplanung:
https://visit-hal.as.me/schedule.php

Praktische Informationen
– Bitte suche dir über obigen Link ein Zeitfenster aus und melde dich an. Das Zeitfenster ist nun exklusiv für dich persönlich reserviert. 
– Du erhältst eine E-Mail zur Bestätigung. 
– Rechtzeitig vor der Führung erhältst du dann per E-Mail den Link für die Zoom-Konferenz (Anmeldung ggf. nötig).
– Diesen Link musst du dann zur vereinbarten Zeit aktivieren, um die persönliche AVATAR-Führung zu unternehmen. (Bitte storniere den Termin rechtzeitig, falls du verhindert sein solltest, um anderen das Erlebnis zu ermöglichen.)


P.S. 1 Über deine Rückmeldung würden wir uns freuen!

P.S. 2 Falls du kein Zeitfenster mehr ergattern solltest, so werden weitere Terminfenster mit AVATAR-Führungen folgen. 

P.S. 3 Die Vermittlungs- und Lernplattform im HaL in Berlin ist noch bis zu 31. Januar 2021 zu erleben.


http://wohin.vol.at/2020/fuehrung-kunst-kann-mit-dagmar-frick-islitzer/vaduz

https://theworldnews.net/li-news/dagmar-frick-islitzer-kunstlerische-haltungen-fur-und-in-die-wirtschaft

https://kuenstlerbrille.files.wordpress.com/2020/03/volksblatt-20200307_kunst-kann..pdf

Blaue Wunder

Das neustes Buch von Marlis Maehrle im Haupt Verlag beschäftigt sich ausschließlich mit der Cyanotypie, einer der Fotographie verwandten Technik, die von etwa 1870 bis 1950 vorwiegend für technische Zeichnungen zur Anwendung kam. Es handelt sich – wie bei der Blaupause (einem chemisch etwas anders aufgebautem Vervielfältigungsverfahren) – um eine Kontaktkopie, dh. Verkleinerungen oder Vergrößerungen sind nicht möglich.

Durch die ‚Durchleuchtung‘ der die Fotoemulsion bedeckenden Flächen können – je nach Dichte des gewählten Materials (geeignet ist fast alles: Schablonen aus Karton, Bänder, Haushaltsmaterialien, Blätter und Blüten, Negative …) – Binnenstrukturen sichtbar werden. Diese Feingliedrigkeit ist besonders bei Pflanzen sehr wirkungsvoll. Zeichnungen oder Fotos auf transparenten Folien werden, sofern sie plan liegen, konturenscharf abgebildet.

Trotzdem bleibt jede Cyanotypie immer eine Überraschung: die Blautöne können je nach bestrichenem Papier (auch andere Untergründe sind möglich) und Dauer der Belichtung ganz verschieden ausfallen. Dem Experimentieren sind kaum Grenzen gesetzt, was natürlich auch bedeutet, daß man sich zu Beginn in diese Technik etwas einarbeiten muss. Und diese Versuche am besten an sonnigen Tagen durchführt.

Marlis Maehrle macht uns dieses Einarbeiten ganz leicht. Angefangen von den Bezugsquellen von Papieren und Chemikalien bis hin zu künstlerischen Beispielen nimmt sie den Leser an die Hand und erklärt die technischen Möglichkeiten in Bild und Text. Dabei wird der Bildaufbau samt Rändern ebenso erläutert wie die Weiterverarbeitung fertiger Cyanotypien zu Karten oder Büchlein.

Das 2020 im Schweizer Haupt Verlag erschienene Buch hat ein stimmiges Layout, das viele Blau steht auf großzügigen weissen Flächen und bringt diese zum Leuchten, die Lesbarkeit der Texte in schwarz ist wunderbar und die Inhalte sind übersichtlich in 7 Kapitel gegliedert. Ein anregendes Buch, das vom ersten Blättern bis zum Nacharbeiten Freude bei der Benutzung macht.

Schriftgestalter Hermann Zapf

 

Ergänzend zu dem letzte Woche vorgestellten Buch hier ein Beitrag über Herman Zapf, der im Buch von Lena Zeise nicht vorkommt. Anlaß ist sein 5. Todestag am 4.6.2020.

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Im Jahre 1918 ist Hermann Zapf als Sohn eines Gewerkschafters in Nürnberg geboren, den die Nazis aus seinem Beruf drängten, wurde dann auch der junge Hermann Zapf bald in seiner beruflichen Ausbildung behindert. Er durfte sich sein Lehrfach – er wollte eigentlich Elektroingenieur werden – nicht aussuchen und begann schließlich eine Lehre als Retuscheur. Privat besorgte er sich als Jugendlicher Rudolf Kochs Buch „Das Schreiben als Kunstfertigkeit“ und brachte sich selbst das Zeichnen von Schriften bei. Früh wurden andere auf diesen begabten jungen Mann aufmerksam, so dass er bereits mit 20 Jahren für die Schriftgießerei D. Stempel AG in Frankfurt am Main arbeitete. In wenigen Jahren schuf er mit der Palatino eine wunderschöne Schrift, die der 30-jährige 1949 vorlegte und welche die Welt des Druckes eroberte. Diese nach dem Renaissancekünstler Giambattista Palatino und einmal als „sichere und freundliche Schrift“ bezeichnete Schrift gehört bis heute zu den beliebtesten überhaupt.

Hermann Zapfs Werk hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Typografie in der ganzen westlichen Welt beeinflusst. Nicht zu trennen ist sein Werk von der Begegnung mit der im Januar 1918 geborenen Gudrun von Hesse. Ohne sich zu kennen, hatten beide unabhängig voneinander dieselbe Leidenschaft, nämlich im Selbst-Studium aus denselben Büchern alles über Schrift zu lernen; er in Nürnberg, sie in Weimar. In Frankfurt schreibt Gudrun von Hesse einen Hölderlin-Text in einer klassisch schönen Antiqua. Von ihr schneidet sie später selbst Prägestempel zum Vergolden ihrer Einbände. Das Credo für ihre Bücher: Schriftentwicklung, Gestaltung und Herstellung – alles aus einer Hand.

Im Jahr 1948 kommt es zu einer folgenreichen Begegnung. Bei einer Ausstellung am Städel in Frankfurt präsentiert Gudrun von Hesse einen mit der Hand geschriebenen Hölderlin-Text. Hermann Zapf und dem Direktor der Stempel AG gefällt diese Schrift außerordentlich. Man beschließt, daraus eine Druckschrift zu entwickeln, die Gudrun später „Diotima“ nennt. Wenige Tage später begegnen sich Hermann Zapf und Fräulein von Hesse persönlich. Am 1. August 1951 wird geheiratet. Von beiden geht eine die Schriften und die Typografie der Welt verändernde Bewegung aus. In den folgenden Jahren entstehen von Hermann Zapf und Gudrun Zapf von Hesse zahlreiche Schriften. Sie eroberten die Druckereien der Welt und bilden gewissermaßen ein Zapf-von-Hesse-Schrift-Universum, das aus über 180 Schriften besteht.

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Bereits in den 60er Jahren konzentriert sich Hermann Zapf auf die Digitalisierung von Schrift. Frühe Studien zeigen die Auflösung schwungvoller Rundbögen in Raster- und Vektor-Grafiken. Darin endlich triumphiert sein konstruktives Ingenieurs-Denken. In Deutschland ist er mit diesen Pionier-Arbeiten seiner Zeit weit voraus. In den USA dagegen stoßen seine Digitalisierungs-Ideen sofort auf Begeisterung. Am Rochester Institut of Technology wird eigens für ihn ein Lehrstuhl für „Typografic Computer Programming“ eingerichtet, von dem aus er seinen Schrift-Enthusiasmus auf junge amerikanische Designer überträgt. Ab 1977 pendelte er für eine Dekade zwischen Darmstadt und Rochester. Es ging um nichts weniger, als alle Kenntnisse und Tricks des typografischen Fachs in die digitale Welt des Computers zu überführen. In New York gründet er auch eine eigene Firma, die Konzepte für Typografie-fähige Computer-Anwendungen entwickelt (DPII). So wird Steve Jobs auf ihn aufmerksam. 1984 ist Hermann Zapf einer der 20 Auserwählten, der von Apple einen 128k Mac geschenkt bekommt. The cube. Hermann Zapf versteht es als Herausforderung. Er arbeitet mit dem Gerät.

Ein Jahr später lädt Steve Jobs ihn und sein Team nach Cupertino ein. Dort präsentieren sie das Programm ihrer Firma Design Processing International. Später finden viele seiner berühmten Schriften Eingang in die Mac History und sind immer noch serienmäßig auf modernen Apple-Computern installiert.

In allen seinen Schriften, die oft gleichzeitig auf unterschiedlichste Quellen zurückgreifen, seien sie nun ein Jahrzehnt alt oder ein Jahrtausend, spiegelt sich seine Liebe zum Handwerk: die Synthetisierung ist der eigentlich kreative Akt. Seine exzentrische, mit programmierten Varianten bestückte Schmuckschrift Zapfino Extra wurde 2001 von Apple erworben und von Akira Kobayashi digitalisiert. Zapf war jetzt schon über 80 und ließ sich jeden Tag etwas einfallen.

Hermann Zapf war zeitlebens offen für andere Kulturen. Er entwarf auch kyrillische, hebräische, arabische Schriftzeichen, außerdem das pannigerianische Alphabet sowie die Sequoyah-Silbenschrift der Cherokee-Indianer. Sein Engagement reichte bis in unwahrscheinliche Nischen. Die Frau eines Industriellen in Pittsburgh etwa stiftete eine Sammlung rarer botanischer Bücher. Für den Sammlungskatalog der Universität wünschte sie eine spezielle Schrift – Zapf lieferte sie, die Hunt Roman. Er ließ sie dort, als Rarität, für Connoisseure.

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Hermann Zapf hat als Typograf die deutsche und auch die internationale Typografie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wesentlich geprägt. Seine Schriften haben an prominentesten Orten Verwendung gefunden, so unter anderem auch bei der nationalen Gedenkstätte der USA, dem Vietnam Veterans Memorial der Künstlerin Maya Ying Lin, die eine Schrift Hermann Zapfs verwendete für die Gravur der Namen der im Vietnam-Krieg gefallenen amerikanischen Soldatinnen und Soldaten.

Zahllose Preise und Ehrungen begleiten den gemeinsamen Weg von Hermann Zapf und seiner Frau Gudrun. Unter anderem wurde im Jahr 2002 in San Francisco der 2. September zum Hermann and Gudrun Zapf-Day erklärt. Diese Ehrung für einen Schrift-Designer ist ohne Beispiel.

Hermann Zapf hat über seine Schriften hinaus ein umfangreiches graphisches Œuvre geschaffen und kann als eine zentrale Gestalt der Typografie und des Buchdrucks gelten. In seinen Worten war Schrift „zwei-dimensionale Architektur“. Sein lebenslanges Streben nach Vervollkommnung spricht aus dem Satz, den der 95-jährige Hermann Zapf in einem Interview formuliert: „… ich würde auch manches wieder anders machen … man ist ja nie zufrieden mit seiner Arbeit … weil man immer denkt, das kannst du noch besser machen …“. Seit 15 Jahren lebte Zapf zurückgezogen in Darmstadt, wo er am Donnerstag, 4. Juni 2015 mit 96 Jahren gestorben ist. Er hinterlässt seine 97-jährige Ehefrau Gudrun Zapf-von Hesse.

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Dies ist eine fast unveränderte Übernahme nachfolgenden Artikels (18.05.2020 gesichtet):

https://regionalheute.de/typo-magie-ein-nachruf-auf-schriftgestalter-hermann-zapf/

Das Bildmaterial habe ich nachträglich dazu gestellt. Für weitere Informationen empfehle ich die Dauerausstellung mit sehr vielen Schriftbeispielen sowie kalligraphischen Blättern von Hermann Zapf und seiner Frau in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel.


 

 

 

 

Stoff trifft Papier – textile Bücher

 

Michaela Müller: Stoff trifft Papier (Bern 2019)


 

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Das optisch wieder sehr ansprechende Buch – mit Leinenrücken – des Schweizer Hauptverlags tut genau das, was der Titel besagt: Stoff und Papier als sich Ergänzendes vorstellen. Dabei werden gleich zu Beginn Ähnlichkeiten und Unterschiede von Stoff und Papier gelistet und in den später vorgestellten Beispielen zusätzlich herausgearbeitet.

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Michaela Müller stellt systematisch Werkzeuge und Techniken des Buchbindens vor, aber auch kleine Näharbeiten und Möglichkeiten der Oberflächengestaltung werden ausführlich beschrieben. Das Nacharbeiten sollte auch für Anfänger kein Problem sein.

Zunächst geht es um die flächige Verbindung mittels Folien oder Klebstoffen von Stoffen und Papieren.

Es folgen einfache Drucktechniken mit Knöpfen, Papierschablonen oder Gelplatten, alles unkompliziert ohne Zusatzgerät auszuführen.

Es folgt ein Abschnitt über Papierschöpfen zum Herstellen eigener Papiere, die sich aus Altpapier herstellen lassen und sich aufgrund ihrer weichen Struktur vorzüglich zum Buchbinden eignen.

Papierweben scheint mir eher eine Sackgasse:  die Papiergewebe sind ästhetisch wenig überzeugend und sind auch schwer weiter zu verarbeiten. Desgleichen handelt es sich beim anschließenden ‚Patchwork‘ eher um ein Randthema – allerdings ein schönes.

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‚Textile  Bücher‘ und andere Verbindungen‘ lautet der Untertitel des Buchs. Die verschiedenen Buchbindearten und wofür sie sich eignen, finden sich als Überblick ab S. 16 im Kapitel ‚Grundlagen‘. Bei den jeweils vorgestellten Beispielen werden sie nochmals genauer mit Arbeitsschrittfotos beschrieben.

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Drei Gastbeiträge von Susanne Heiß, Tabea Heinicker und Dorthe Niemann werden ebenfalls zum Nacharbeiten in Einzelschritten samt Vorlagen gezeigt und erweitern so das Spektrum der vorgestellten Arbeiten von Michaela Müller.

Im Anhang wie immer beim Hauptverlag Bezugsadressen (für Deutschland, Österreich und die Schweiz) sowie Schnittmuster bzw. downloads.

Die Textlesbarkeit in 2 Spalten ist sehr gut und wird fast durchgängig mit Bildmaterial angereichert. Illustration, Fotografie, Gestaltung und Satz sind aus einem Guss – von der Graphikdesignerin Michaela Müller, die auch die Autorin ist. Viele kleine Details machten mir dabei Freude, zB. die Nähte, die die Seitenränder definieren, das fein abgestimmte Farbkonzept, die gewählten Schriftarten. Und die Fotos. Sie sind machen die verschiedenen Oberflächenstrukturen fühlbar und sind ebenso anschaulich wie die angenehm zurückhaltenden grauen Graphiken.

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Ein anregendes Buch zum sofort Anfangen. Oder weiterstöbern auf Michaela Müllers blog www.muellerin-art-studio.de bzw. auf instagram.

 

 

 

Art in a Box

Das neue Buch ‚ Art in a Box‘ der Papiergestalterin Marlis Maehrle – das dritte von ihr im Hauptverlag – befasst sich ausschließlich mit Kästchen als Präsentationsform: Archive der Wunderdinge nennt Marlis Maehrle sie. Und tatsächlich finden sich in den Kisten die seltsamsten Zusammenstellungen, die auf den Betrachter den Zauber unbekannter Welten ausüben. Aber auch die Strenge von Archivarien, die Beliebigkeit von Setzkästen, die Verspieltheit von Vogel- oder Puppenhäusern. In diesem changierenden Dazwischen werden einige grundlegende Strategien zum Umgang mit Raum und Material vermittelt.

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Die Kapitelunterteilungen lauten: fertig gekaufte Kästchen, Schachteln und Schachtel-deckel, vorgefundene Holzkisten. Klappkästchen und Dosen sowie selbstgemachte Kisten. Grundsätzlich unterscheiden sich die Strategien des Bearbeitens in den Kapiteln nicht. Besser wäre esvielleicht gewesen, das Ganze nach Größe oder Füllideen zu ordnen, so bleibt es etwas beliebig.

Das Buch klingt aus mit etlichen Beispielen anderer Kästchennutzer und einem Material- und Literaturnachweis – für mich der anregendste Teil des Buches, das weder durch das vollgestopfte Layout noch durch Ideenreichtum besticht. Es liefert solide Arbeitsan-leitungen, eine ausführliche Darstellung der Arbeitsmittel und ist für Einsteiger sicher gut geeignet. Raffinesse oder Kunst, so wie im Titel versprochen, sucht man hier vergeblich. Was sehr schade ist, denn Marlis Maehrle hat viele, ganz feine Arbeiten im Bereich Papier- und Buchobjekt gemacht.


Marlis Maehrle   Art in a Box   Bern 2018 (175 S.)   39,90 €

 

 

 

 

Paperpatterns

 

Bei dem Buch ‚Muster im Rapport‘ von Paul Jackson handelt es sich um die systematische Erschließung zweier geometrischer Themen: Symmetrien und Rapporte. Die 2018 im Haupt Verlag erschienene Lizenzausgabe des engl. Titels ‚How to make Repeat Patterns‘ aus Paul Jacksons Reihe Book for Designers zeigt anhand einfacher Beispiele wie Muster gebildet werden.

Muster im Rapport

 

 

Dazu verwendet Paul Jackson bzw. seine Studenten der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd (unsymmetrische) Buchstaben. Diese werden den 4 elementaren Operationen – Drehsymmetrie, Parallelverschiebung, Achsenspiegelung und und Gleitspiegelung – unterworfen. Auch die Buchstaben, groß und klein geschrieben, werden zunächst auf Symmetrien untersucht, auf ihre Eigenart aus Linie und umschlossener Fläche zu bestehen, um später daraus Gruppen als Untereinheiten für Muster zu bilden.

 

 

Das Layout von Nicolas Pauly liefert dazu sehr klare, zweifarbige Graphiken, die auf übersichtlich quer sortierten Seiten jeden einzelnen Schritt anschaulich machen. Insofern doch ein Lehrbuch, aber eines, was beim Vorstellen des Regelhaften sogleich dessen Brechung mitbedenkt. Und eine Unzahl an Varianten andeutet, die sofort zum Nachtun verlocken.

 

 

Die Textblöcke sind zweispaltig in schwarz gesetzt, auch hier ist auf extrem gute Lesbarkeit der Schrift geachtet worden: man kann sich anhand der kurzen prägnanten Texte das Wissen leicht aneignen oder über das Studium der Graphiken alles verstehen – beide sind gleichberechtigt, das Gesamterscheinungsbild ist dadurch sehr luftig. Immer wieder sind ganzseitige Musterbeispiele eingestreut, als Kapiteltrennung und zur Veranschaulichung. Meist reicht Nicolas Pauly dafür eine Zusatzfarbe zu schwarz – rot oder blau – und/oder Abstufungen davon, diese Reduzierung entspannt ungemein. (Das Einzige, was mir nicht gefiel, waren das Cover und das Vorsatzpapier, beides stach mit einem grellen Orange in die Augen, das im weiteren Buch keine Verwendung findet.)

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Sprachlich hat sich Jackson eng an mathematische Begriffe angelehnt. Er geht das Thema wissenschaftlich mit einleitenden Definitionen und abschließendem Glossar an. Er beschreibt Punkt-, Linien- und Plansymmetrien, bildet jeweils Untergruppen und kommt so zu 25 maximal möglichen Symmetrieoperationen.

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Diese finden dann Verwendung in Flächenmustern, Parkettierungen, nahtlosen Mustern und schließlich den freieren Sonderformen der figürlichen Escher-Parkettierungen. Flächenfüllende Muster können rechtwinklig organisiert sein, aber auch auf Dreiecken und Sechsecken beruhen. Und schließlich gibt es auch noch die Möglichkeit, Restflächen zu zulassen.

 

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Am Ende des Buches angekommen, bleibt einem nur noch eins: sofort alles ausprobieren und nach eigenen Mustern suchen. Ein wunderbar anregendes Buch von seltener Klarheit.

 


 

Ebenso wie Paul Jacksons website http://www.origami-artist.com/about-2/, die von Faltungen, Pop-ups, Origami bis hin zu Kleidung und Schmuck eine breite Palette von außergewöhnlich intensivem Arbeiten mit Papier zeigt.

 

 

 

 

Books for Designers These books are published in up to 11 languages and have been influential in establishing folding as a language of design. They are set books on many Design courses. All books were originally published by Laurence King Publishing (London).‘Folding Techniques’ was a bestseller.