Ich lese gerade … XII

 

Jon McGregor      Speicher 13   (München 2017)


Der Roman beginnt mit einem Kriminalfall: ein halbwüchsiges Mädchen geht während ihres Urlaubs mit der Familie verloren. Sehr genau werden die hügelige Umgebung zwischen Industrieausbeutung und Landwirtschaft beschrieben: die 13 Speicherbecken, Steinbrüche, Höhlensysteme einer ehemaligen Bergbaugegend.

Jon McGregor benutzt eine mäandrierende Sprache, um die Hilfsbereitschaft bei der Suche, das gemeinsame Erschrecken und Nachdenken, nachdem das Mädchen unauffindbar bleibt, den Presserummel, und schließlich das langsame Einsickern des Ereignisses in die Dorfgeschichte zu begleiten.

13 Jahre lang beobachtet McGregor diesen Prozess, indem er mit viel Abstand die Bewohner in dem kleinem Ort Mittelenglands beschreibt. Individuelle Lebenskrisen werden wie nebenher erzählt, in kurzen Sätzen das Typische einer Situation geschildert, die vorsichtigen Reaktionen der anderen oder das Ausbleiben einer Auswirkung berichtet. Durchwirkt sind diese kurzen personenbezogenen Abschnitte mit präzisen Naturbeobachtungen oder wiederkehrenden Ereignissen im Dorfleben, die den neutralen Blick des Erzählers bestätigen. Es entsteht eine untergründige Sogkraft, die verhindert, daß man am Ende über das Ausbleiben einer Aufklärung enttäuscht ist.

Eigentlich geht es um eine Verweigerung von Handlung, die eingestreuten einzelnen Geschichten leuchten wie Gedichte mit großer sprachlicher Präzision daraus hervor. Man kann das Buch pralinenartig langsam oder gierig gespannt lesen, aber am besten mehrfach.  

 

 

 

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BUCHSTABENSPEICHERMEDIUM – Studie

 

 

Deswegen ist meine Miniatur auf das Schreiben als kulturelle Errungenschaft bezogen. Es ist aber kein Buch als typischer Ort von Schrift in den letzten Jahrhunderten geworden. Sondern eine grüne Box mit dem Titel BUCHSTABENSPEICHERMEDIUM.  Meine nach oben offene Steckbox lässt sich ein- und ausfalten, verändern, macht Angebote: einzelne Karten sind zur freien Auswahl entnehmbar. Zusammenlegt werden sie zu Bildern. Inhaltliche oder formale Zusammenhänge sind für jeden frei wählbar. Reihenfolgen, Kausalitäten und Zeitschienen (also typische Bestandteile von Büchern) sind aufgehoben.

Inhaltlich geht es bei BUCHSTABENSPEICHERMEDIUM um eine Stellungnahmen zum Thema Buch, aber auch zu den fließenden Grenzen zwischen Schrift und Bild. Aus der grauen Folie der Sprache sind Buchstaben herausgeschnitten. Als leicht unscharfe Fotos verlieren sie ihren Aussagecharakter und werden zum Bild.

Die Aussage wird von schwarzen Digitaldrucken übernommen: Zitate zum Thema Buch überlagern die fotografierten Buchstabenfolien. Der Begriff ‚Buch‘ als Schrift-Medium wird hier von verschiedenen Schriftstellern und Philosophen als persönlicher Gesprächspartner, als Bewahrer von Kultur und Wissen über viele Jahrhunderte vor Augen geführt.

 

 

 

Einrichten und Denken

Ein Bild über nichts ::.:: der neue Lifestyletrend für Nichtleser :.:.: Buchrücken zur Wand

 

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noch zu lesendes Buchmaterial, tlw. mit Markierungen, erzählen von ihrem Gebrauch

Bücher als Formen geordneten Denkens versus sinnentleerte Dekorationsformen

Für diejenigen, die immernochnicht ihre Regale – oder noch schlimmer: Bücherschränke – entrümpelt haben, ein prima Hinweis zur Zweitverwertung der überflüssigen Bücher:

Als Wärmedämmung vor Aussenwänden, als Hocker, Bänke etc. und zum Anfeuern sind Bücher ebenfalls besser verwertbar als Interneteinträge.

 

 

 

 

Deutsche UNESCO-Kommission März 2018

Künstlerische Drucktechniken sind Immaterielles Kulturerbe

 

Es ist eine herausragende Anerkennung und Bestätigung für die Relevanz von Druckkunst: Die „Künstlerischen Drucktechniken des Hochdrucks, Tiefdrucks, Flachdrucks, Durchdrucks und deren Mischformen“ sind mit Beschluss der Deutschen UNESCO-Kommission im März 2018 in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden.

Gedruckte Text- und Bildmedien sind seit mehr als 500 Jahren Teil der europäischen Kultur und Wissensgesellschaft. Seit 1500 waren der Kupfertiefdruck und der Hochdruck und ab 1800 auch der Stein- und Lichtdruck sowie der Durchdruck die wesentlichen Techniken für die Herstellung von Printmedien. Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte unter Beibehaltung der Grundprinzipien der Übergang von der Handwerkstechnik zum industriellen Druck. Der handwerkliche Bereich wurde im künstlerischen Umfeld weitergepflegt. Beispiele hierfür sind die Künstlergruppe „Die Brücke‘‘ und die Collagenkunst des Dada.

Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts wird die Nutzung traditionell-manueller Drucktechniken nur noch von Künstler*innen, in künstlerischen Druckwerkstätten und in Museen sowie schulisch weitergeführt, erhalten, gepflegt und vermittelt. Industrielle Produktion und technologischer Fortschritt führen jedoch dazu, dass das Wissen über und das Ausüben von historischen Handwerkstechniken im Druckwesen verdrängt werden.

Durch die Anerkennung wird das Bewusstsein für die künstlerischen Drucktechniken als immaterielles Kulturerbe gestärkt und in die breite Öffentlichkeit getragen.

Ich lese gerade … XI

Lisa Sandlin   Ein Job für Delpha (Berlin 2017)


Delpha trifft nach 14 Jahren Gefängnis neu auf die Welt. Zufallsbegegnungen führen zu Unterkunft in einem Altenheim und zwei Jobs, einer davon als Sekretärin in einer sich neu gründenden Detektei, ein anderer als nächtliche Krankenpflegerin. Die getrennt vorgestellten Personen und Erzählstränge verknüpfen sich zu einer gemeinsamen Geschichte. Fast zu gut werden am Ende alle Fäden mit einander verbunden. Das Spannende dieses Krimis ist das Wieder-Heimisch-Werden Delphas. Viele überraschend tiefgründige Beschreibungen von Orten und Figuren machen das Buch lesenswert.

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Das Licht vor dem Fenster war schwächer geworden, die Dunkelheit war eingedrungen und hing unter der Decke.

Sie atmete die Stille, das Schweigen – Droge, Balsam, Blume, Frucht und Medizin. Sie nahm sie in ihr Inneres auf, wo sie sich ausbreitete, Ritzen und Löcher ausfüllte. Die Stille von Menschen, die nicht da waren. Die Stille der Kommode. Des schmalen Betts. Die Stille der Leere an den Stellen, wo keine Möbel standen. Die Stille in dem moosgrünen Zimmer stieg zu durchsichtigen Mauern auf. Die Stille der Vorhänge, die eine Brise bewegte. Die Stille des Türschlosses.  (S.48)

 

 

Humboldt über Sprache

 

In blaugrüne Sprachgründe absinken

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Humboldt Ausstellungsexemplar Menschlicher Sprachbau 2018 C.Kreiser
In seinem Text von 1836 denkt Wilhelm von Humboldt ausführlich über die Entstehung von Sprache nach und vergleicht die sehr unterschiedlichen Sprachen der Welt hinsichtlich ihrer Möglichkeiten, den als gegeben angenommenen Sprach- und Denkimpuls in Sprache umzusetzen.

Dass Komunikation fortlaufend nichtsprachlich stattfindet, zeigen die beigefügten Illustrationen.

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Humboldt 2018 Menschlicher Sprachbau Situationen dunkelblau

Wilhelm von Humboldt (1836)

Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts 

 

 

Ich lese gerade … X

Juli Zeh      Leere Herzen (München 2017)


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Eine Parabel ? Eine Zukunftsvision ? Eine einfach Beschreibung dessen, was schon stattfindet ? Juli Zehs neues Buch ist schwer einzuordnen. Als Roman ist es zu dogmatisch, als Negativ-Utopie zu wenig weit gedacht. Die Figuren müssen sich (samt ihren sich selbsterklärenden Namen) ihren Aufgaben beugen und nur Julietta, die Selbstmörderin, gewinnt im Verlauf der 347 Seiten ein wenig an Persönlichkeit. Alle Positionen sind besetzt, Bewegung findet kaum mehr statt. Die Welt—und insbesondere Braunschweig—sind postfaktisch aufgeräumt.

 

»Der moderne Mensch leidet unter Weltinnen-raum-Klaustrophobie«, verkündet Janina. »Ha?«, macht dieses Mal Richard und lacht. »Globalisierung bedeutet, nirgendwohin fliehen zu können«, erklärt Janina. »Weil alles immer schon überall ist. Da wird Selbstmord zum letzten Notausgang.«

»Eigentlich geht es vor allem darum, dass Körperkapitalismus letztlich Seelenkommunismus ist. Knut legt Kraft in seine Stimme, um sich zurück ins Gespräch zu bringen. »Ein Schauspieler steht an der Rampe und erzählt sein Leben, auf eine Weise, dass alle im Publikum denken, er spricht über sie.«  (S. 92)


 

 

 

 

 

Eugen Gomringer Berlin 2018

 

Alleen
Alleen und Blumen

Blumen
Blumen und Frauen

Alleen
Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer

 

Eugen Gomringer…
wurde am 20.Januar 1923 geboren und ist ein Vertreter der Konkreten Poesie.

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2011 vergab die Alice Salomon Hochschule Berlin den Poesie-Preis an den Dichter. Das oben zitierte Gedicht ‚Avenidas‘ (1951) wurde stilbildend und schmückt die Südfassade der Hochschule. Der Asta der Hochschule, so wurde berichtet, unterstellt dem Dichter und dem Gedicht Sexismus: „Diese Gedicht …anzuschauen, wirkt wie eine Farce und eine Erinnerung daran, dass objektivierende und potentiell übergriffige und sexualisierende Blicke überall sein können.“ Man setzt sich durch und bringt den Akademischen Senat auf seine Seite: Das Gedicht wird überpinselt.

Zitiert aus dem Newsletter 25.01.2018 geschrieben von Frau Fritsch-Weith / Buchladen am Bayrischen Platz

Im RBB vom 24.1.2018 widerspricht Eugen Gomringer den sexistischen Inhalten explizit und kündigt rechtliche Schritte an. Die Fassade soll künftig alle 5 Jahre neu gestaltet werden. Der Ursprungstext von Gomringer wird laut Hochschule auf einer kl. Tafel an der Wand präsent bleiben.  (C.Kreiser)