The Library of Ice

Nancy Campbell untersucht Eis als Sprachgenerator, als Lebens- und Erwerbsumfeld, als Sportuntergrund, als Sehnsuchtsort von Abenteurern, als archäologischen Forschungsgegenstand, als Lagerort von Rohstoffvorkommen, als kulturellen Bezug für Kunst und Literatur. Nancy Campbells ‘The Library of Ice‘ ist auch ein Buch für Liebhaber von Büchereien. Selten habe ich so viele verschiedenartige beschrieben bekommen, denn der Leser begleitet sie in ihre jeweiligen Forschungsstätten.

Der Reiz dieses roadmovieartigen Buches, was uns auf eine weltweite Forschungsreise mitnimmt, die mythische 7 Jahre dauerte, besteht in den vielen Begegnungen, die persönlich und distanziert zugleich bleiben, egal ob mit dem Team des schottischen Kinross Curling Clubs und – noch wichtiger – mit seinem Eisbahnwart, ob mit Jägern in Grönland oder Künstlern in der Serpentine Gallery in London oder mit Menschen aus Dokumenten vergangener Jahrhunderte, die mit gleicher Faszination der Antarktis verfallen waren.

So springen die Erzählräume zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her: die für uns weit entfernt scheinende Vergangenheit mit einem Leben voller Abhängigkeiten von Naturgewalten und Tieren in arktischen Gegenden ist bei Scott, Amundsen und Franklins Expeditionen genauso beeindruckend geschildert wie die jetzigen Lebensumstände der Bewohner Grönlands.Unaufgeregt erzählt Campbell von eigenen und einheimischen alltäglichen Anpassungsleistungen an Wetter, Schnee, Eis und Klimaveränderungen. Obwohl die Erreichbarkeit zwischen den Orten ohne feste Verbindungsstrassen eher vom Wasser aus erfolgt, findet sich auf Grönland jede Form der globale Konsum- und Dienstleistungswelt.

Es geht in diesem Buch deshalb auch um Seßhaftigkeit und Sprache bzw. Schrift als Mittel von Eroberungen, um Verdrängungen durch Klimawandel, Migration, um dauernde Anpassungsleistungen des Menschen an seine Umgebung – oder andersherum? Campbell jedenfalls beschreibt das Jagen mit Schlittenhunden als gleichberechtigte, wenn auch verschwindende arktische autarke Lebensform.

c.kreiser ca. 2015

Was ich mag an Campbells Erzählen, ist die fein verwobene Art, Fundstücke aus persönlich rlebtem Gegenwart und recherchierter Vergangenheit zusammenzubinden. Mit viel Achtung begegnet sie Menschen und deren Lebensumständen, aus wenigen Sätzen entstehen kristallklare Porträts. Wird sie auf einer abgelegenen Farm abgesetzt, die nur wenig Forschungsmaterial zum grönländischen Schriftsteller Porbergur aufzuweisen hat, bietet auch dieser Mangel genug Stoff zu kulturhistorischen Überlegungen über Teilhabe, weil die Texte nicht ins Englische übersetzt wurden.

Spürbar ist Nancy Campbells Liebe zu Museen und Büchereien, dem Forschen überhaupt. Egal ob Britisches Museum oder Halley VI Researchstation in der Antarktis, stets findet der Raum samt Mitforschenden Erwähnung. Wir können uns gut vorstellen, unter welchen Umständen ihre Recherchearbeit gerade stattfindet. Sie beschreibt Rückräume und Abkürzungen durch öffentliche Sammlungen, läßt sich auf Zufälle am Wegrand ein, geht verloren im verschneiten schweizerischen Bergwald. Lauter Bilder, die auch das mäandernde Fortschreiten von Wissensaneignung sein könnten.

‘The Library of Ice‘ ist ein dichtgepacktes Buch, das seine Sogwirkung erst nach und nach entfaltet – dann allerdings möchte man immer mehr von dieser unaufgeregten Zusammenschau seltsamster Fakten, die dennoch alle miteinander verbunden sind, lesen. Man beginnt zu glauben, an einem langen, dunklen Tag dazusitzen und Nancy Campbell beim Erzählen zuhören zu können, während Schnee und Eis die Außenwelt langsam in Bedeutungslosigkeit versinken lassen.


The Library of Ice

‘The Library of Ice‘ by Nancy Campbell actually does what the title announces: to talk about the manifold aspects of ice and about libraries, the places she visited to find deeper knowledge on her chosen topic.

Nancy Campbell

The Library of Ice  

(London 2018)

I featured this book because I have long appreciated Nancy Campbell’s wonderful artist’s books. I am also happy to own recent poems on flowers by her (commissioned by Bristol University). And I’m still annoyed of having missed her at a joint event in Berlin in 2019.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s