Papier marmorieren – Lucy McGrath

Das gerade im Schweizer Hauptverlag erschienene Buch von Lucy McGrath besticht durch seine Vielzahl an Abbildungen: Einband, Vorsatzpapier, Kapiteltrennseiten – alle Doppelseiten sind in verschiedensten marmorierten Mustern ausgeführt. So kommt man ohne Lesen gleich beim ersten Blättern ins Staunen über die Vielfalt der Technik und ins Grübeln über den möglichen Herstellvorgang. Und schwupp, schon findet man sich schon mittendrin im Lesen der knapp und präzise gehalten Anleitungsschritte, die alles ganz einfach erscheinen lassen.

Beim Marmorieren nutzt man den chemischen Abstossungseffekt von Wasser und Öl, um Farbe auf einer beweglichen Oberfläche wie Wasser oder Leim aufzutropfen. Zunächst muss man also ein Trägermedium herstellen. Das kann – wie im Buch beschrieben – aus Algen gemacht werden, aber auch aus Tapetenkleister oder Rasierschaum. Auf jeden Fall mus das Medium eine flache Plastikwanne einige cm tief bedecken. Anschließend kann man Farbflecken mit einer Pipette oder Pinsel auftropfen.

Durch Bewegen des Beckens mitsamt dem Medium oder durch Verziehen der Farbtupfer durch Stäbchen, Kämme und anderes Gerät, aber auch durch Pusten verändern sich die Farbtropfen. So entstehen vielfältige Formen, die mit einem aufgelegten Blatt Papier vom Medium auf das Papier wechseln. Nach jedem Färbevorgang wird die überschüssige Farbe entfernt, bevor das nächste Muster entsteht. Dieser Vorgang des Musterentwickelns ist gleichzeitig meditiv und spannend. Schnell entsteht eine größere Anzahl von marmorierten Bögen, für die man ausreichend Platz zum Trocknen (z.B. eine Wäscheleine o.ä.) braucht.

Das Buch ist besonders geeignet für Anfänger. Es beschränkt sich auf eine Art des Trägermediums und arbeitet mit verschiedenen Farbmedien, die evtl. sogar im Haushalt vorhanden sind. Die Vor-und Nachteile von Acryl-, Öl- oder Aquarellfarben sowie Gouache werden gut beschrieben. Dass es auch etliche Anbieter für Fertigleimbäder und Marmorierfarben (zB. Marabu, Kreul oder auch Schmedt…), teilweise sogar als einsteigerfreundliches Set, gibt, bleibt unerwähnt. Auch ist bei diesen Sets die Vorbereitung der Papierbögen mit Alaun nicht erforderlich.

Über das Marmorieren hinaus zeigt das Buch die Weiterverarbeitung des verwendeten Papiers auf, das nach dem marmorieren durch die Feuchtigkeit seine glatt Form verloren hat. Und auch den Umgang mit anderen Werkstoffen von Stoff bis Porzellan. Interessant sind dabei auch dreidimensionale Körper, die natürlich Farbbäder mit höherer Eindringtief benötigen. Kleine Ausflüge in die Geschichte des Marmorierens und die Farbenlehre runden das Buch ab.

Es handelt sich bei dem Titel um eine Lizenzausgabe der englischen bei Pavilion 2019 erschienenen Originalausgabe. Lucy McGrath ist verantwortlich für Texte und Papiere, was vielleicht auch dazu beiträgt, das der vorliegende Band sehr konzentriert layoutet ist. Die Texte sind kompakt als Blöcke schwarz auf weiß gehalten und heben so die farbigen Marmoriemuster besonders hervor. Wie oft beim Hauptverlag sind die Seiten angenehm übersichtlich gestaltet, die Papierqualität und die Druckqualität sind erwartungsgemäß ebenfalls hoch. Es macht also Spaß, das Buch in die Hand zu nehmen und sich zum immer neuen Musterversuchen anregen zu lassen.


Papier marmorieren von Lucy McGrath (Bern 2021), 29,90€

Das schreibt der Verlag zu seiner Neuerscheinung:

Die Papierkünstlerin Lucy McGrath lebt und arbeitet in London. Mit ihrem neuen Buch frischt sie ein zeitloses Kunsthandwerk auf.

Anhand von bebilderten Anleitungen wird das Marmorieren von Papier gezeigt – von den traditionellen Musterungstechniken bis zu modernen, neuzeitlichen Designs. Marmorieren hängt mit der Malerei, der Druckkunst und der Wissenschaft zusammen. Dafür erklärt die prädestinierte Autorin unterschiedliche Musterungstechniken: beispielsweise mit einem Borstenpinsel, einer Pipette oder auch einem Kamm. Darüber hinaus beschreibt McGrath, wie verschiedene Muster erzeugt und kombiniert werden können und experimentiert dafür auf sehr unterschiedlichem Material. Seien es Federmarmor- oder Zackenmuster: Leser dieses Buchs sollen von ihren Kenntnissen und Erfahrungen im Bereich des Kunsthandwerks profitieren dürfen. Demnach möchte die Autorin sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene zu ganz persönlicher Kreativität im Umfeld der Papierveredelungstechnik anregen. McGrath betreibt ein Ladengeschäft und Kursatelier namens „Marmor Paperie“ in London und gewann im Jahr 2016 den „Arts Society/Cockpits Arts Award“.


weiterführende links:

https://marmorpaperie.co.uk/

https://www.homofaberguide.com/en/discover/artisans-mcgrath-lucy

https://cockpitarts.com/designer-makers/lucy-mcgrath/

Zeichnung bei Kate Andrews

Die Beziehungen zwischen den Hochschulen und dem Museum für Moderne Kunst sind in Bremen traditionell eng. So wurden auch dieses Jahr die Bewerbungen für den Karin Hollweg Preis 2020 in der Weserburg gezeigt. Diesmal unter der Auflage, sich mit dem Raum unter dem Dach auseinanderzusetzen.

Die Preisträgerin Kate Andrews hat sich zugleich an die Umdefinition von Zeichnung gewagt, sie aus dem Zweidimensionalen in ein Bezugssystem gestellt, das zum Einen den Umraum einbezieht, zum anderen den Zeichnungen ein Umfeld schaffft, es ermöglicht, sie anders aufzunehmen.

Leider war die Ausstellung zum Jahreswechsel coronabedingt kaum für die Öffentlichkeit zugänglich, es gibt einen podcast (Folge 002) zur Entstehung der Arbeiten https://open.spotify.com/episode/7g423SddA1vHNTN4TMrMII. Die website https://www.shuntedsculpturesfleetingwords.com/ zeigt alle Arbeiten als Ersatz.

Die Ausstellungen der Meisterschüler*innen, die seit 2011 jährlich in der Weserburg stattfinden, geben einen facettenreichen Einblick in die Qualität und Vielfalt der aktuellen Kunstproduktion in Bremen. Ein besonderer Höhepunkt ist die an die Präsentation gekoppelte Verleihung des Karin Hollweg Preises. Mit insgesamt 15.000 Euro dotiert gehört er zu den wichtigsten Kunstförderpreisen an deutschen Kunsthochschulen. Die Hälfte des Preisgeldes ist für eine institutionelle Einzelausstellung in Bremen reserviert.

2020 sind 19 Künstler*innen an der Präsentation beteiligt, die ausnahmslos neue, zum Teil ortsbezogene Werke zeigt. Vertreten ist die gesamte Breite der Gegenwartskunst von Malerei, Fotografie und Plastik bis hin zu ortsbezogenen Interventionen, Klangarbeiten sowie Raum- und Videoinstallationen.

Die in Shunted Sculptures Fleeting Words verdichteten, künstlerischen Praxen greifen demnach auf verschiedene Strategien zurück, um über Kunst, Gesellschaft und Welt zu reflektieren. Ein verbindender Faden offenbart sich in der Fähigkeit der Werke, nicht nur Grenzen zu sprengen, sondern auch unerwartete Momente ästhetischer Sinnhaftigkeit und spezifische Formen von Empfindung zu produzieren.

Kuratiert von Alejandro Perdomo Daniels (https://weserburg.de/ausstellung/meisterschuelerinnen/ am 15.4.2021)

Kate Andrews’ Arbeit zeichnet sich durch eine pointierte Auseinandersetzung mit den Medien aus, auf die sie produktionsästhetisch zurückgreift, vornehmlich Malerei und Zeichnung. Mit diesen entwickelt sie eine gegenstandslose Sprache, die es ihr ermöglicht, über das Malen und Zeichnen zu reflektieren. Sie eröffnet dabei Zusammenhänge ästhetischer Sinnhaftigkeit, die über die Kontingenz des Mediums selbst hinausweisen.

In ihrer Meisterschülerinarbeit To be Decided geht die Künstlerin weiter: Hat der Träger in ihrer Arbeit stets die Funktion eines materiellen Fundaments erfüllt, so beginnt sie nun, diesen als konstitutiven Bestandteil des Mediums und des Inhaltes zu aktivieren, so dass er zum bedeutungstragenden Element wird. Dies erfolgt, indem sie dessen materiale Konstitution durch die Verbindung mit Alltagsgegenständen erweitert und so einen Raumbezug herstellt. Die Verbindung findet als ästhetischer Übergang statt. Einer, der die Plastizität des künstlerischen Mediums (Graphit) mit der Materialität des Trägers (Papier) und der Objekthaftigkeit der mit diesen interagierenden Gegenständen (Stahlstäbe, Metallkette, Glasplatten) in Beziehung setzt. Letztere erfüllen zudem eine tragende Funktion als Stütze oder Halt. Dadurch entsteht eine Raumsituation, die im Hinblick auf ihre Struktur zwar selbstreferenziell ist, aber Bezüge aufweist, die die Künstlerin mit Zusammenhängen des Alltags verbindet. Der gewollt provisorische Charakter der Installation spielt dabei eine wichtige Rolle: „Gäbe es diese provisorischen und etwas ‚wackeligen‘ Stützen nicht,“ — so Andrews — „würden auch die Zeichnungen bedeutungslos werden.“ Darin sieht die Künstlerin eine „Vorläufigkeit“, die allen Vorgängen und Prozessen des Lebens innewohnt und folglich einen (metaphorischen) Bezug zum „Selbst“ aufzuweisen vermag, wie die Künstlerin erklärt: „Die Tatsache, dass der Inhalt der Zeichnungen selbst vollständig von den Mitteln abhängt, mit denen sie gestützt werden, legt die Idee nahe, dass der Zustand des eigenen Seins auch von den variablen Bedingungen abhängt, die einen persönlich und politisch an Ort und Stelle halten.“

Alejandro Perdomo Daniels (https://www.shuntedsculpturesfleetingwords.com/kate-andrews-to-be-decided 15.04.2021)


Nora Schattauer über Zeichnen

Zeichnen ist, wenn Denken bewusst oder unbewusst eine Spur hinterlässt!


Wenn ich zeichne, ist es kein Betrachten einer Sache, die ich abbilden möchte. Es ist mehr ein hinein- oder durchschauen. Die Basis ist die Beobachtung von gesellschaftlich Gegebenem, worin ich evidente oder versteckte Strukturen versuche zu verstehen.


Die genaue Beobachtung eines Phänomens, eines Geschehens oder einer Situation ist bereits geschehen und hat sich über eine Weile hinweg als Sediment von Erfahrung in mir abgelegt. Das Zeichnen selbst ist dann ein „abtasten“, fast wie im Dunkeln. Als würde ich den Body einer Fotokamera von innen abtasten, um alle Nebengeräusche und Rauschen herunterdimmen zu können, und mich gänzlich der Struktur verschreiben zu können.

Das was ich zeichne, taucht dann auf, oder es ist im Begriff schon wieder zu verschwinden. Beides sind Zustände, die in ihrer Bewegung, im Werden, nicht genau festzuhalten sind; für die ich dennoch versuche, eine Sichtbarkeit und Form zu finden. Daher hat meine Zeichnung etwas mit Durchlässigkeit und der Instabilität von Zuständen zu tun.


Der Anfang des Zeichnens ist stets vorsprachlich. nicht genau benennbar und absichtslos. irgendwann zeigt sich dann das durch die Beobachtung Verstandene fast wie von selbst und taucht auf. Dann muss ich es nur noch erkennen. (wach sein)

Nora Schattauer zitiert auf der website von revolver publishing am 13.10.2018

https://revolver-publishing.com/schattauer-nora-draw-1.html


Nora Schattauers Zeichnen ist insofern sehr dem Schreiben verwandt, das durch seine feinmechanischen Eigenheiten und die Verteilung auf einem Untergrund Einfluß auf das Denken ausübt, also bidirektional zwischen Absicht und Weg angelegt ist. Ohne die zeichnerische Gegenwart würden unsere Gedanken eine andere Form annehmen. Durch Zeichnen und Schreiben gelingt es, Gedanken zu formulieren.


SchriftBildKörper

Ausstellung meiner Künstlerbücher

Eröffnung am Welttag des Buches 23.4.2021


Es handelt sich um Arbeiten zum Thema Lesen und Schreiben aus den letzten Jahren. Auch dabei sind einige Lesenotizbücher, die sich wunderbar für eigene Kommentare zu dem vorgestellten Buch und anschließendem Austausch mit anderen Lesern eignen. Andere Buchobjekte untersuchen die Schnittstelle von analoger zu digitaler Schrift bzw. auch das damit sich verändernde Leseverhalten.

SchriftBildKörper setzt sich mit der Körperlichkeit des Schreibens auseinander.
Text ist etwas Amorphes, das Platz nimmt auf Oberflächen, sich von dort in uns hineinschlängelt, sammelt, neu mischt und wieder nach draußen befördert wird: wir schaffen Spuren.

Monotypien, Siebdrucke, Linolschnitte, Digitaldrucke und Risographien
sind die dafür verwendeten Techniken


Untenstehend ein Rückgriff auf die unvoreingenommene Sprachforschung durch Wilhelm von Humboldt:

‚in blaugrüne Sprachgründe absinken‘ enstand 2018.

  vom 23.4. bis 30.7.2021 zu sehen unter den üblichen Hygienebedingungen

in der Fouqué Bibliothek Brandenburg/Havel am Altstädtischen Markt

und

voraussichtlich auf der website der Bibliothek als filmischer Aufbaurundgang


Mein Katalog ‚Schreiben, Denken, Lesen‘ wird in der Ausstellung für 3,-€ erhältlich sein.


Diese Ausstellung gehört zur Veranstaltungsreihe der 2. Brandenburgischen Tage des offenen Buches: