Olaf Pawlicki

Beinahe-Nachbar, eifriger Mitorganisator von Radio Pax, Weltreisender, Musikkenner, Drucker, Schriftsetzer und Bastler – kam mich eines Nachmittags besuchen – der Anlass war mir unklar – und brachte zwei schwere Tüten mit. Bei Gebäck und Tee griff er (fast wie der Nikolaus) immer wieder in seine beiden Säcke und holte wunderbarste Schätze hervor.

Selbstgebundenes und Selbstgeschriebenes. Reiseberichte, Notizblöcke, Grußkarten, Jahresendgeschenke in einer solchen Bandbreite, daß der Nachmittags schnell in tiefste Dunkelheit übergegangen war und wir kein einziges Mal an das coronakorrekte Lüften gedacht hatten, so vertieft waren wir in all die kleinen Finessen, die mir beim ersten Draufschauen entgangen waren.

Das Faltblatt enthält Gedanken zu den Abbildungen. Der zweiteilige Schuber wurde passgenau aus einlagigem Wellkarton gefaltet und geklebt. Die Griffrundungen sind mit einer Kalenderstanze ausgestanzt. Die Hartgummi-Lettern eines uralten Spielzeug-Druckerei-Sets haben mir schon oft gute Dienste geleistet.

Bei *fakebook* zum Beispiel das weisse f auf blauem Grund, was umfangreicher Maßnahmen mit versch. Druckstockhöhen bedurfte. Der geleimte offene Rücken, mit dem einzelne Heftchen zum Buch werden. Die Überlegungen zur Farbigkeit. Aber das lasse ich am besten Olaf selbst erklären:

‚Als mir so ein Fakebook einfiel und ich über die Machbarkeit sann, musste ich erstmal gucken, wie das Zeichen von facebook überhaupt aussieht. Kleines Büchlein mit vielleicht 80 Seiten (nie gezählt), Fadenheftung, offener Rücken. Eingefügte Seiten mit Text vom Computer-Drucker plus handschriftliche Zueignung. Umschlag edler »Glitzer«-Karton mit Aufdruck. Orangefarbener Punkt sowie Schriftzug im Blinddruck. War erst ohne die blaue Fläche gedacht. Eher zufällig kam ich darauf, dass ich ja das »f« tiefer in den Karton hineindrucken könnte um danach eine blaue Fläche (die ebenso wie der Rückseiten-Punkt zufällig in dieser Größe vorhanden war) auf das »f« zu drucken, aber mit weniger Druck. Deshalb wird die tiefste Stelle des Buchstabens im Karton nicht blau eingefärbt.‘

Ohne Reisetagebuch fahre ich nicht in die Welt hinaus. Es ist Gedankenfänger, Erinnerungsstütze, Kommunikationsmittel, sogar Andenkensammler in Form fremder Handschriften. Bei der Auswahl des Papieres spielt die zu erwartende Witterung eine Rolle. Gut beschreibbar soll es sein und das Büchlein muss unbedingt fadengeheftet sein, damit es nicht unterwegs auseinanderfällt. Die etwa notwendige Seitenanzahl kann ich ganz gut abschätzen.

Gestalterisch lasse ich mich von Imaginationen zu den Reisezielen inspirieren. Der Blinddruck im Java/Bali-Buch ist eine Assoziation über tropische Urwälder, im Falle Armeniens ist das eingebundene bedruckte Pergament Spielerei und in seiner Zartheit auch ein netter Kontrast zum Namen des Landes. Denn Armeniens Selbstbezeichnung »Hajastan« bedeutet »Land der Steine«. Bei dem Indien-Buch wollte ich unbedingt Siebdruck benutzen, denn Siebdruck, oder Durchdruck, ist in Indien überall dort die erste Wahl der Druckverfahren, wo keine klimatisierten Druckereien möglich sind. Nämlich auf dem Land und in den ärmlichen Gegenden der Städte. Also ziemlich häufig. Für den Schriftzug habe ich eine Schablone aus Karton gefertigt und mit Goldstaub vermengten Leim aufgestrichen. Mit diesem Leim habe ich auch den Rücken des Heftes nachgeleimt. Zur Zierde. Auch die Farben der Umschlagpapiere sind bewusst leuchtend gewählt. Doch weil ich mich nicht zwischen Rot und Blau entscheiden konnte, sind beide drumgeblieben. Auch das entspricht ja der Vielfarbigkeit des Landes. Diesmal hatte ich einige einzelne andersfabige Schreibbögen zur Unterteilung des Seitenblockes eingebunden. Der offene Buchrücken ist mir dabei sehr lieb  geworden, weil er ausreichend stabil, einfach in der Herstellung und variabel in der Gestaltung ist.


Für sämtliche Fotos und die Texte in kursiv bin ich Olaf zu Dank verpflichtet.

Die Künstlerbrille: Teil III

Teil III des schon hier vorgestellten Konzeptes der Übertragbarkeit von künstlerischen Haltungen auf andere Arbeitsbereiche von Dagmar Frick-Islitzer stellt zwölf Künstler aus 4 Ländern vor und bietet konkrete Umsetzungen in Form von Lernstationen an, die für die Erwachsenen-/Breitenbildung geeignet sind.

Die Wanderausstellung sollte – nach der Eröffnung im Engländerbau in Vaduz am 11. August – ab 26. Nov. 2020 in Berlin im Haus am Lützowpark, einem der Projektpartner, Station machen (coronabedingt sind leider Verschiebungen entstanden). Weitere Beteiligte des länderübergreifenden Projektes sind: das Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten, Österreich, und das Südtiroler Landesmuseum in Dorf Tirol, Italien. Folgende Genres sind vertreten: Bildende Kunst, Musik, Film , Tanz, Theater, Sprache.

Das sehr schön aufgemachte Begleitbuch macht Lust aufs Loslegen. Ein knapper Einleitungstext läßt den beteiligten 12 Künstlern viel Luft. Wunderbare Fotos stellen die Künstler in ihren Studios und Ausstellungen vor, lassen sie in Interviews ausführlich zu Wort kommen:


LI: Arno Oehri, Martin Wohlwend und das Künstlertrio Katrin Hilbe, Christiani Wetter und Nicolas Biedermann

DE: Ilona Kálnoky, Marco Schmitt und Nicole Wendel

AT: Sung Min Kim, Clemens Salesny und Maria Seisenbacher

IT: Arnold Mario Dall’O, Cornelia Lochmann und Peter Senoner

Es lohnt sich, sich in das Werk jeden einzelnen Künstlers zu vertiefen. Die Lernstationen können dazu beitragen, es haftet ihnen jedoch eine gewisse Steifheit an: der künstlerische Prozess ist nicht mehr ganz offen, sondern auf Nachvollziehen festgelegt – ein interessanter immanenter Widerspruch des Ansatzes.

Neben den vielfältigen, meist nicht geradlinigen Lebensläufen (die auffällig oft über New York zu führen scheinen ) wird im neuen Buch der Liechtensteinerin Dagmar Frick-Islitzer wieder der Arbeitsprozess in Augenschein genommen: wie gehen Künstler mit Arbeitsblockaden, Ansätzen, die scheitern, und wirtschaftlichen Schwierigkeiten um?

Auffällig die hohe Arbeitsdisziplin, die alle Befragten täglich in ihre Übungsräume treibt. Allerdings ohne den Vorsatz, etwas bestimmtes zu schaffen. Also Betonung des Arbeitens als Findungsprozess, nicht um ein Endergebnis zu erreichen. Schön auch die Gelassenheit, mit denen Projekten eine Auszeit verordnet wird, die sich gerade nicht weiterentwickeln lassen. Und eine Unvoreingenommenheit, sich auf Fremdes/Unvorhergesehenes einzulassen. Fast muss ich an die Haltung landwirtschaftlicher Gesellschaften früherer Jahrhunderte zur Natur denken: ein Standpunkt zwischen Bewusstsein der eigenen Fähigkeiten und Demut?

Entwickelt wird die Plattform von Kubus Kulturvermittlung, Balzers/LI; Haus am Lützowplatz, Berlin/DE; Bildungshaus St. Hippolyt, St. Pölten/AT; Südtiroler Landesmuseum für Kultur- und Landesgeschichte Schloss Tirol, Dorf Tirol/IT.


aktueller Nachtrag der Veranstalter:

Vor dem Hintergrund der anhaltenden Schliessung aller Kultureinrichtungen in Deutschland (voraussichtlich noch bis mindestens 10. Januar 2021) hat der künstlerische Leiter Dr. Marc Wellmann ein neues online-Vermittlungsformat entwickelt: AVATAR-Führungen. Zur dieser Premiere laden wir dich herzlich ein. Anders als bei einem realen Ausstellungsbesuch, gehst du nicht anonym, wenn du gerade Lust dazu hast, durch die Räume, sondern musst dich vorher für einen konkreten Termin entscheiden. Während des ZOOM-Meetings bist du nicht in einer passiv konsumierenden, sondern in einer aktiv interagierenden Rolle. Du kannst den Avatar – das ist eine reale Führungsperson mit einem tragbaren Endgerät in den realen Räumen des HaL in Berlin – zu bestimmten Stationen lotsen und dir dort bestimmte Dinge erklären und ausführen lassen. Du wirst mit der Führungsperson sprechen.

Hier der Link zur Terminplanung:
https://visit-hal.as.me/schedule.php

Praktische Informationen
– Bitte suche dir über obigen Link ein Zeitfenster aus und melde dich an. Das Zeitfenster ist nun exklusiv für dich persönlich reserviert. 
– Du erhältst eine E-Mail zur Bestätigung. 
– Rechtzeitig vor der Führung erhältst du dann per E-Mail den Link für die Zoom-Konferenz (Anmeldung ggf. nötig).
– Diesen Link musst du dann zur vereinbarten Zeit aktivieren, um die persönliche AVATAR-Führung zu unternehmen. (Bitte storniere den Termin rechtzeitig, falls du verhindert sein solltest, um anderen das Erlebnis zu ermöglichen.)


P.S. 1 Über deine Rückmeldung würden wir uns freuen!

P.S. 2 Falls du kein Zeitfenster mehr ergattern solltest, so werden weitere Terminfenster mit AVATAR-Führungen folgen. 

P.S. 3 Die Vermittlungs- und Lernplattform im HaL in Berlin ist noch bis zu 31. Januar 2021 zu erleben.


http://wohin.vol.at/2020/fuehrung-kunst-kann-mit-dagmar-frick-islitzer/vaduz

https://theworldnews.net/li-news/dagmar-frick-islitzer-kunstlerische-haltungen-fur-und-in-die-wirtschaft

https://kuenstlerbrille.files.wordpress.com/2020/03/volksblatt-20200307_kunst-kann..pdf

8. Kunstsalon am Weißen See