Leider etwas spät …

erreichte mich ein Ausstellungstipp aus dem Nachbarland Holland in der wunderbaren Stadt Gouda:

siehe website Veranstalter

Unter dem Titel >Innige Verbindungen< waren im September verschiedene Künstlerbücher zu sehen. Unter http://www.firmavandrie.nl/exposities/ gibt es die Möglichkeit, eigene Ausstellungskonzepte vorzuschlagen oder vergangenen Ausstellungen nachzuspüren.

Ich lese gerade … XXII

ckr 2019

‚Die Unvermeidlichkeit des Kreativen‘ nennt der Kultursoziologe Andreas Reckwitz seine Einleitung zum 408 Seiten starken Buch, das sich tatsächlich nur damit befasst: Warum Kreativität für uns so wichtig ist und wie sie bzw. der Zwang zum Neuen Motor unseres gegenwärtigen Handelns wurde.

Reckwitz entkleidet den Begriff ‚Kreativität‘ von seinen mitschwingenden heroischen Anklängen einer aus dem 18. Jhd. stammenden künstlerischen Autonomie und wendet ihn in einen gesellschaftlichen Konsens des Wunsches zum ‚Kreativ sein‘ um. Das ist sehr spannend hergeleitet und hat für mich viele lose Fäden (z.B. den Verlust des Primats der Wissenschaft, Abwertung des Lernens durch Üben, Touristen als Stadtleben konsumierende Teilzeitbewohner, Teilhabe aller am öffentlichen Diskurs statt Expertenwissen) verknüpft.

ckr 2019

Der dem Kapitalismus immanente Impuls zur Expansion reicht weit über alle Deckung von Bedürfnissen hinaus und hat sich seit der Marktsättigung um 1970 einer Haltung des Verschönerns, dem Hervorbringen von Neuem als Dauerpostulat (zumeist ohne Veränderung von Funktionalitäten) verschrieben. Wenn die Nutzung von Produkten nicht ausrechend für sie spricht, muss ersatzweise ein Bindung geschaffen, die im sozialen Leben wirtschaftlich autonomer Individuen immer auffälliger fehlt.

Das Resultat dieser Ästhetisierung der gesamten Lebenswelt zeigt sich – neben einer Flut von neuen Museen, die kaum auf Besucher hoffen dürfen, weil diese längst an events verloren gegangen sind – nicht nur in der Warenwelt designter Konsumprodukte, sondern auch in immer stärker divergierenden Möglichkeiten der Sexualität und des Zusammenlebens, in geänderten Managementformen mit grösseren Gestaltungsmöglichkeiten der Mitarbeiter, den Versuchen von Städten mit ästhetischen Angeboten Einwohner und Touristen wirtschaftlich zu binden. Massenmedien und Starkult, Stadt und Städteplanung, Psychologie sind ebenfalls von diesem Impuls betroffen. In dem Masze wie Spezialisierung und Können im Ansehen abnehmen, wächst der Wunsch nach gleichberechtigter Teilhabe aller in allen Lebensbereichen der westlichen Konsumkulturen.

ckr 2019

Es ist eine Abkehr von Funktionalität im Wohnen, Arbeiten, Konsumieren, die sich im Thatcher Begriff der ‚creative industries‘ der 80ziger Jahre noch nicht wieder findet. Gemeint schien damals eine Aufwertung von nichtproduzierenden Dienstleistungen. Wohl enthält dieser Begriff aber schon den Anspruch der Ausbildung einer neuen ‚creative class‘, die sich als eine nicht funktional/rational gesteuerte kreative Leitkultur/Lebensweise (weltweit) versteht. Computerspiele und Werbestrategen entwerfen jeden Montag eine neue Welt, Books on demand, und Babies als Designerware. Spekulationen über denkbare Welten ausserhalb der Erde werden in Sondierungsversuche überführt.

Die Schöpfung eines angeblich einmaligen Images wird zum individuellen Lebensziel. Nicht das Herstellen von Kunstwerken, was parallel so exponential zunimmt wie seine öffentliche Wertschätzung abnimmt. Verbesserungen des Menschen werden nicht länger durch Arbeit am Selbst, sondern durch externe (digitale) Ergänzungen/enhancements erwartet. Keiner spricht darüber, in welchem Sinne diese Optimierung des Menschen gemeint ist: Von wem gewünscht und für wen profitabel ist diese sich ausbreitende Deregulierung auf der Welle der Kreativität, die zudem eine der Bequemlichkeit ist?

ckr 2019

Dezidiert untersucht Andreas Reckwitz die Rolle der Massenmedien und des Geniekults, aber auch die des Publikums, was von einer passiven Rolle zu einem aktiveren Teil des kulturellen Austauschs geworden ist. Gegenkulturen weltweit werden außerordentlich schnell in den Maßstäbe setzenden Hauptstrom integriert. Reckwitz beschreibt diese Entwicklung von der Aufklärung bis zur Gegenwart und wagt sogar einen kleinen Ausblick darüber hinaus. Mehr dazu werden wir voraussichtlich in seinem Buch ‚Die Gesellschaft der Singularitäten‘ (Berlin 2017) erfahren. Zum Lesen und Mitdenken seien beide wärmstens empfohlen.

Ich lese gerade..

Andreas Reckwitz
Die Erfindung der Kreativität
Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung (Berlin 2012)

Kleistkreise

Dieses Unikatbuch zeigt das Kreisen um Lebensthemen, wie es Heinrich von Kleist in seinen Briefen immer wieder versuchte.

Die 10 transparenten Seiten mit Zitaten sind kreisförmig angeordneten aufgebaut wie die Jahresringe eines Baumes. Es entsteht ein Eindruck vom Wachsen und Verfestigen der Ansichten Kleists.

Kreisförmige Ausschnitte erlauben Durchblicke als Verknüpfung der Zitate, die auf handgezeichnete technische Zeichnungen digital gedruckt wurden. Der schwarz-weisse handmarmorierte Einband dient als Andeutung von Zufall und Chaos.

Unikat 21/30 cm, gefaltet, Kartoneinband mit 10 Seiten Text, 2020

Herbst 2020

Hier ist ein aktuelles Künstlerbuch zum Kippen zwischen Sommerfreiheiten und Herbsteinkehr, Arbeit und Ernte, Bewegung und Ruhe.

Technisch handelt es sich um Linol- und Holzschnittdrucke, doppelseitige Zeichnungen auf Transparent, die Texte sind bis auf einen im Klischeedruck digital gesetzt und gedruckt.

Constanze Kreiser 2020 (ca. 21/21 cm, 16 S. Preis auf Anfrage)