Ich lese gerade … XVII

Gabriel Tallent   Mein Ein und Alles   (München 2018 479 S.)


 

Von Anfang bis Ende spannend. Mit einiger Distanz, aber sehr liebevoll erzählt Gabriel Tallent in seinem Erstling die Geschichte eines Missbrauchs zwischen einem alleinerziehenden Vater und seiner minderjährigen Tochter an der kalifornischen Küste nahe Mendocino, einer Kleinstadt am Rande des Sillicon Valley.

Der Kontrast zwischen Küste und Hinterland, Städtern und Ex-Farmern könnte nicht grösser sein. Es geht auf dem Lande traditionell um Leben und Tod, um die vollkommene Abwesenheit von Töten und Sterben in der Stadt. Und um eine fast vergessene Form ländlichen Lebens, karg, aussichtlos, trostlos, technikfern.

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Riss im Bild 2019

Es bildet sich eine Spirale der Gewalt, der Macht, des Besitzenwollens, die zu einem Kräftemessen zwischen Martin und Turtle wird. Sehr präzise und doch eher beiläufig beschreibt Tallent die typischen Situation sexueller Übergriffe, von Schuld und Scham, Rationalisierungen. Stück für Stück wird das Verhältnis der Beiden immer mehr zum geschlossenen System, erst als der Großvater von Turtle stirbt, entsteht eine Öffnung, die Turtle ein anderes Leben ausprobieren läßt.

Die isolierte Situation von Vater und Tochter nach dem Tod der Mutter ist absolut glaub-haft, beide in ihrer Verlorenheit wunderbar fein beobachtet. Das Verhältnis zur feind-lichen Aussenwelt ist laut Martin nur per Waffentraining auszuhalten. Die Schule ist für Turtle ein Ort des Lügens und der Isolation, kein Gegengewicht zum mutterlosen Zuhause.

Jede seiner Figuren stattet Tallent mit jeweils eigener Sprache aus, die kennzeichnend für ihre Art zu denken ist. Worte entpuppen sich als Chiffren für Haltungen, die inzesttypisch Rollenzuweisungen sind, die Welt aussen extrem vereinfachen, sich aber als auch Mutmacher und Hebel für die Öffnung dieser hermetischen Binnenwelt erweisen.

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Riss im Berg 2019

Nur wenige Figuren stellt Tallent neben Martin und Turtle. Er skizziert diese alltäglichen Menschen mit von ihnen gesprochenen Sätzen. Die besorgte Frau im Drugstore, die kaugummikauende Kassiererin im Baumarkt. Die gebildete Familie von Jakob. Nicht alle gucken weg, trotzdem läßt sich die Enge zwischen Turtle und ihrem Vater schließlich nur mit Gewalt lösen. Und mit Turtles beeindruckendem Überlebenswillen und strategischem Denken, das sie Verantwortung für die mit ihrer Welt in Kontakt Geratenen übernehmen lässt..

Tallent findet wunderbare Bilder für Verwahrlosung, Selbstbestimmung und Kontrolle. Das Frühstück besteht aus rohen Eiern und Bier. Wiederholungen stärken das Klaustrophobe und großteils auch Sprachlose zwischen den Martin und Turtle, wo bis zum Schluß dennoch eine Ebene des wortlosen Verstehens existiert, der gegenseitigen Verantwortung, aber eben auch von Schwäche. Ein großartiges Buch.


 

„There are books we like well enough to recommend, but there are a very few—To Kill a Mockingbird, Catch-22, The Things They Carried—that we remember forever. To my own shortlist I can now add My Absolute Darling, by Gabriel Tallent. Fourteen-year-old Turtle Alveston is a brilliantly rendered creation, and her father is the most terrifyingly believable human monster to inhabit the pages of a novel since Harry Powell in The Night of the Hunter. This book is ugly, beautiful, horrifying, and uplifting.“                Stephen King

 

 

 

Hedi Kyle – In Falten gelegt

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Hedi Kyle, Ulla Warchol – In Falten gelegt (Hauptverlag CH 2018)

Das Buch von Hedi Kyle und ihrer Tochter Ulla Warchol zeigt handgemachte Bücher. Aber nicht gebunden und genäht, sondern aus vielfältigsten Materialien gefaltet. (2018 im Hauptverlag erschienen, 29,90 €) Es enthält unglaubliche Anregungen, die mit ganz klaren Arbeitsschritten für jeden nachvollziehbar sind. Ich habe es selbst probiert: 100% Erfolg! Hier ein paar eigene Beispiele aus der letzten Woche:

 

 

Die Gestaltung des Buches von Alexandra Coco ist wunderschön, die Fotos von Paul Warchol sind klar und atmosphärisch zugleich, der Satz und die Zeichnungen lassen beim Lesen Luft. Wer möchte, kann die Freiräume auch für eigene Randnotizen nutzen.

Insgesamt sehr anregend und empfehlenswert, sowohl für Anfänger als auch Fortgeschrittene. Man schlägt es auf und fängt – nachdem man fertig ist mit Staunen – direkt an. Und hat auffallend schnell sehr vorzeigbare Ergebnisse.

Hier das amerikanische Original. Seit seiner Veröffentlichung breiten sich im Netz und auf instagram viral Buchideen nach Hedi Kyles Vorbild  aus. Hedi Kyle leitet seit vielen Jahrzehnten selbst Kurse an. Sie ist als Buchkünstlerin weltweit bekannt.

 

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‚My work focuses on the book as a three-dimensional object that can be explored and reinvented beyond traditional modes of binding and display. Because of my background as a conservator, I‘ve encountered many unusual books in the collections of libraries around the world. This has allowed me to draw on obscure historical examples of the book to inform and inspire my own structures. This experience has also taught me that, from the repetitions of the fold, there is always the potential for new structures to emerge. In my creative practice, I experiment, divert, re-build, and alter with the intent of keeping the book alive as a mechanical object of extraordinary diversity.‘

 

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Hedi Kyle is the coauthor, with her daughter, Ulla Warchol, of The Art of the Fold, a step-by-step guide to making a broad selection of her original structures.

 

Journal

Hedi was born in Berlin, graduated in 1959 from the Werk-Kunst-Schule in Wiesbaden, Germany, with a degree in graphic design, and shortly thereafter emigrated to the United States. In the decades since, Hedi has spent her career revolutionizing the field of book arts, teaching workshops throughout the United States, Canada, and Europe.
In her capacity as a conservator, Hedi cofounded the Book Preservation Center at the New York Botanical Garden and coauthored Library Materials Preservation Manual, one of the first books on library preservation techniques.

As head conservator at the American Philosophical Society in Philadelphia, and as an adjunct professor in the Graduate Program for Book Arts and Printmaking at the University of the Arts, Hedi trained and mentored a generation of conservators and book artists. Her one-of-a-kind book constructions are in the collections of numerous institutions and individuals and have been the subject of multiple solo and group exhibitions in the U.S. and abroad.

Hedi is an honorary member of the Guild of Book Workers and a cofounder, with Gary Frost and Tim Barrett, of the Book Preservation Center, now in its thirty-third year. She is the recipient of the 2016 Distinguished Career Award from the College Book Art Association (CBAA).

Blue Bubble

 

Selected Exhibitions
The World of Hedi Kyle, Codex Curious and Bibli’ Objects, 2016, San Francisco Center for the Book, San Francisco, CA
Hello Hedi: Book Art Inspired by Hedi Kyle, 2015, 23 Sandy Gallery, Portland, OR
Transforming the Ordinary, 2010, Michener Art Museum, Doylestown, PA
The Hybrid Book: Irma Boom, Gunnar A. Kaldeweil, Hedi Kyle, 2009, University of the Arts, Rosenwald Gallery, Philadelphia, PA
Hedi Kyle and Her Influence, 1994, The Center for Book Arts, New York, NYa

 

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https://www.artofthefold.com/hedi-kyle/

 

 

 

HKW Berlin – Das Neue Alphabet 2019-21

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Ist eine Vielfalt von Sprachen, Schriften, Wissensproduktionen und Lernweisen jenseits der universellen Matrix eines einzigen Alphabets denkbar? Lassen sich gemeinsame Referenzpunkte finden und ist kollektives Handeln möglich, ohne alles auf einen Nenner zu bringen? Wie kann Wissen gleichzeitig ortsgebunden und global relevant sein?

Alphabete sind spezifische Formen phonografischer Zeichensysteme, die auf einer begrenzten Zahl klar unterscheidbarer Symbole basieren. Die Buchstaben eines Alphabets können kombiniert werden und bieten scheinbar unendliche Möglichkeiten semantischer und operationaler Kodierungen. Die Philosoph*innen der Aufklärung glaubten deshalb, dass nur die europäischen Alphabete für die Freiheit des Denkens geeignet wären. Als universalistische Matrix, die jegliche sprachliche Äußerung in ein abstraktes System fasst, stellt ein Alphabet aber nicht zuletzt auch eine imperialistische Infrastruktur dar. Sind Algorithmen, der Binärcode und die DNA die Alphabete von heute? Und welche Möglichkeiten wären denkbar, solche textlichen Infrastrukturen neu zu kodieren oder zu konterkarieren?

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Der Titel des nächsten HKW-Langzeitprojekts, Das Neue Alphabet, versteht sich als Diagnose und Polemik zugleich: Lokale, undurchsichtige oder marginalisierte Wissensformen weichen mehr und mehr abstrakten universalisierenden Strukturen. Das Projekt macht es sich zur Aufgabe, Strategien des Widerstands gegen solche Prozesse forcierter Alphabetisierung zu identifizieren – oder sie zu entwickeln. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf künstlerischen Methoden der Aneignung und Kreolisierung (und ihrer Bedeutung im Kontext der Alphabetisierung).

 

siehe auch meinen blog     Digitale Universalschrift