Ich lese gerade … IV

John von Düffel – Wassererzählungen (Köln 2014)


Die 11 Erzählungen dieses Bandes sind tatsächlich durch das Element Wasser flüchtig miteinander verbunden. Auffälliger aber ist ihre gemeinsame Beschäftigung mit Wendepunkten in Beziehungen, mit unerwarteten Begegnungen, mit sich überlagernden Bildern und Vermutungen, die sich – über falsche Fährten – wie in einem fotografischen Labor erst ganz langsam zu zeigen beginnen.

Sehr präzise Beobachtungen alltäglicher Sprache und alltäglicher Situationen führen in die beinahe absurde Konstellation einer Vorschwimmerin, von Düffel beschreibt ein märchenhaftes Suchen und Verlieren im Wald, eine schwierige Vater-Sohn-Beziehung oder den Verlauf eines Sterbeprozesses aus der Sicht zweier sehr verschiedenen Menschen, in dem ein Gartenteich eine zentrale Rolle spielt. Kindheit, Erwachsensein, verflossene Beziehungen und ehemalige Gemeinsamkeiten werden beinahe nebenher überprüft, Perspektiven verschieben sich unmerklich, das Ergebnis ist überraschend, aber zwangsläufig. Ein fast Alice-Munro-artiger Sogeffekt beim Lesen kämpft gegen den Wunsch, das Buch auf gar keinen Fall aus der Hand legen zu müssen.

Baden und Sonnen

Ich lese gerade … III

Robert Macfarlane – Karte der Wildnis (Berlin 2015)


Band 18 aus der Reihe der Naturkunden, hrsg. von Judith Schalansky
Liebevolle Ausstattung mit Leineneinband und Lesebändchen, wenig kontrastreiche Fotos von John Beatty, Rosamund und John Macfarlane jeweils zum Kapitelbeginn

Mit kindlicher Neugier begibt sich Robert Macfarlane auf immer neue Wanderungen durch England, Schottland und Irland, stets auf der Suche nach verbliebenen Wildnissen, mythischen Orten abseits von Alltagswahrnehmungen. Stets begleiten ihn Texte und Beschreibungen Wanderer vergangener Jahrhunderte, mitunter Freunde. Sie verbindet die Freude am Draussen-Unterwegs-Sein und Übernachten, aber auch am Anders und Allein sein, das durch widrige Umstände des Wetters nur gefördert wird, sodaß etliche Erkundungen ihren Reiz insbesondere bei Nacht und Schnee entfalten.

Trotz der beigegebenen Karten auf den Umschlaginnenseiten sind die gelaufenen Strecken für den Leser schwer zu lokalisieren. Entsprechend den Kapitelüberschriften geht es um den Buchenhain, die Insel, das Tal, den Wald … also das Aufspüren des Typischen eines Ortes. Wildnis ist dabei sowohl ein Gegenentwurf zur industriellen Konsumwelt von Städten, als auch ein innerer Zustand, den es zu erhalten gilt und der sehr feine Naturbeobachtungen von Geologie bis hin zu Pflanzen und Tierwelt zulässt. Alles erscheint mit allem verbunden.


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Karte der Wildnis 1